Eine Reihe gutgewachsener junger Mädchen in kurzen, weißen, faltig fallenden Röcken und schwarzen Trikots, die knapp die Brust umschließen. Leichte Schritte auf nackten Füßen im Takt einer simpel – improvisierten Melodie. Schwingende, spielerisch gelöste Bewegung, die bis in die Fingerspitzen vom Rhythmus gelenkt wird. Man muß nicht die Erinnerungen an griechische Vasenbilder berufen, um das Angenehme, Beglückende des Eindrucks zu empfinden. (Man braucht es auch nicht in der feierlichen Sprache auszudrücken, die manche Gymnastiklehrer konserviert haben, wenn sie die Worte „Raum“ und „Gestalt“ mit halbgeschlossenen Lidern von der Zunge rollen lassen.)

Hinrich Medau, heute gewiß der eigenwilligste und produktivste unter den deutschen Gymnastiklehrern, schleppt noch an seinem eigenen Schatten. Der Mammut-Auftrag Baldur von Schirachs für „Glaube und Schönheit“, der ihn zwang, seine im kleinen Kreis erarbeitete Methode zum Rezept der Massenästhetisierung zu machen, war zunächst Genugtuung, dann Last und schließlich Ärgernis, und das große „Medau-Hüpfen“, das in den kleinsten Nestern zu Flötenklang und Klavier betrieben wurde, machte den ganzen Gedanken der Leibeserziehung den Verständigen suspekt.

Es muß aber doch wohl eine kräftige Sache sein, die sich von unfreiwilliger Parodie und politischem Autodafé erholt, weiter entwickelt und auch im Ausland aufs Neue Bewunderer und Anhänger gewinnt. Seit 1948 unterrichtet Medau wieder. In einem Flügel der ehemaligen Marineschule in Flensburg-Mürwik, die jetzt Landessportschule ist, fand er günstige Unterkunft, genug Übungsräume, eine große Halle und Zimmer, in denen jeweils zwei bis vier Schülerinnen wohnen, nicht luxuriös, aber gemütlich. Rund um das Gebäude, das mit der Großzügigkeit der Staatsbauten von damals angelegt ist, gibt es Sportplätze, Aschenbahnen, eine Reithalle; in Sichtnähe Förde und Strand – ein ideales Übungsgelände. Fünfunddreißig Schülerinnen nehmen am Seminar teil; werden in vier Semestern als Gymnastiklehrerinnen ausgebildet. Auch die verschiedenen Sonderlehrgänge sind gut besucht, darunter, als Novität, ein einjähriger Kursus für Krankengymnastinnen, der die rein zweckgerichtete Ausbildung ergänzt.

In Bad Pyrmont entstand eine Zweigschule. Der Kurdirektor plant für den kommenden Sommer „Kurgymnastik“-Stunden, die Medaus Schülerinnen leiten sollen. Er hofft, daß eine besonders angepaßte Art des rhythmischen Bewegungsspiele die Gäste für die Heilkraft des Bades empfänglicher macht. Die ausländischen Zweigstellen in den skandinavischen Ländern, England und Südamerika blühen wieder auf. Die nächste Tournee mit Vorführungen und Lehrgängen geht nach London.

Das sind die äußeren Erfolge. Der weißhaarige Holsteiner Bauernsohn, der die Tradition der Frauengymnastik von Jacques Dal Croze und Bode fortsetzt, ist werbetüchtig und regsam. Seine Frau, die Halbschwedin Senta, die mit Grazie den Chorus der Mädchen anführt und zwischen ihren vier halberwachsenen Kindern wie eine zierliche Schwester wirkt, ist ebenso zäh und aktiv wie er.

Doch die Frage, wie diese Spätblüte des Klassizismus in unserer Zeit steht, ist schwer zu beantworten. Läßt sich Anmut, schöne, richtige Bewegung züchten in einer Epoche, die uns verurteilt, uns nur noch funktionsgemäß zu verhalten? Ist nicht der von Ästheten so verfemte ekstatische Taumel in Hot, Jazz und Bebop ein echterer Ausdruck unseres Lebensgefühls? War der Gesundheitskult, das genormte Schönheitsideal des Dritten Reiches schon Inflation, Ende?

Offenbar ist das Interesse an dieser betont ästhetischen Form der Leibeserziehung, die ja keinen Wettkampfanreiz bietet, wie die übrigen Sportarten, stark zurückgegangen. In den zwanziger Jahren wurde feurig diskutiert, ob Bode oder Mensendieck. Die These von einer Renaissance Europas aus dem Geist der Gymnastik hätte damals nicht unbedingt komisch geklungen. Heute hat sich die rhythmische Gymnastik zwar durchgesetzt gegenüber der rein psychologischzweckmäßigen, und die Richtungen haben sich einander angeglichen. Insgesamt ist aber die fromme Pflege der „mens sana in corpore sano“ Sache einiger Inseln geworden. Die Medau-Schule, früher in Berlin, liegt im nördlichsten Grenz-