K. W., Berlin, im Februar

Der endlich gebildete Berliner Senat – so heißt die Regierung von Stadt und Land Berlin nach der neuen Verfassung – kann sich über Langeweile nicht beklagen: über Nacht wurden 5000 Einwohner von West-Staaken am nordwestlichen Stadtrande unter die Polizei- und Verwaltungshoheit des Sowjetsektors gesteht. Als die Westberliner Behörden und der für diesen Stadtteil zuständige britische Stadtkommandant – ebenso überrascht wie die betroffene Bevölkerung – nach den Grundlagen dieser kalten Annexion forschten, stellten sie fest, daß tatsächlich der Westteil von Staaken im August 1945 von den drei Westalliierten dem sowjetischen Partner zugesprochen worden war; zugesprochen als Äquivalent für den in sowjetisches Gebiet hineinragenden englischen Flugplatz Gatow. Die Sowjets hatten allerdings lange Zeit keinerlei Gebrauch von diesem Vertragsrecht gemacht. Ja, nicht einmal als die Stadt geteilt wurde, war diese Kontrollrats-Übereinkunft aus den Sommertagen von 1945 wieder aus der Erinnerung aufgetaucht. Der kalte Februarmorgen von 1951 brachte nun nach fünfeinhalb Jahren die Wandlung: Volkspolizei, Lebensmittelkarten, kommunistische Volkslehrer, ein HO-Laden, Stalin- und Pieck-Plakate, Registrierungszwang und die Aufforderung, die Westmark 1:1 in Ostmark umzutauschen – all das klopfte plötzlich an die Häuser von 5000 West-Staakenern. Und kein Russe hat sich bei der ganzen Aktion gezeigt...

Nicht der angrenzenden sowjetischen Zonenverwaltung, sondern dem zum Sowjetsektor gehörenden Berlin-Mitte soll West-Staaken unterstellt werden, einem Bezirk also, der 20 Kilometer entfernt liegt. Daß weder die deutschen Proteste, noch das Schreiben des britischen Stadtkommandanten Erfolg haben werden, scheint gewiß. Dagegen nimmt ein Plan konkrete Formen an, alle jene West-Staakener, die nicht unter der neuen östlichen Zwangsherrschaft stehen wollen, im Kopftausch gegen Westberliner SED-Angehörige und Angestellte ostzonaler Behörden nach Westberlin zu evakuieren. Und in aller Stille beginnt man gleichzeitig erstmalig jetzt die gesamten Stadtpläne und Akten sorgfältig zu überprüfen, ob noch weitere interalliierte Abreden von 1945 den Sowjets Gelegenheiten zu ähnlichen "legalen" Raubzügen geben konnten. Weiß Gott eine Arbeit, von der man nicht gerade sagen kann, daß man sie übereilt angefaßt habe...