Der Kompaß im Zellenstaat: Clearing der Lebensinstinkte

Von Walter Fredericia

Ein Mann sitzt am Schreibtisch, er will einen Brief schreiben. Er überlegt den Inhalt des Briefes; zu diesem Zweck durchdenkt er noch einmal die Auseinandersetzung, die er mit dem Adressaten gehabt hat. Auf einmal wird er rot, dann bleich, sein Herzschlag beschleunigt sich, Schweiß tritt auf seine Stirn. Was ist geschehen? Er ist in seiner Erinnerungsreihe an den Punkt gekommen, an dem er sich, wie er wohl weiß, unverschämt und herzlos benommen hat. Was ihn jetzt sich ungut fühlen, was sein Herz schneller schlagen läßt, das nennen wir gewöhnlich "das Gewissen", das auch einige andere Aspekte hat als gerade den hier erwähnten der Verletzung eines andern Menschen. Das Gewissen kommt uns keineswegs erst in der Erinnerung an. Denselben Vorgang hat der Mann bereits unmittelbar im Anschluß an jene Handlung in sich gefühlt und dann die Ursache im eigenen Verhalten festgestellt. Das Gewissen hat die Fähigkeit, sich in der Erinnerung zu wiederholen. Und gerade dadurch wird es ein menschliches und soziales Phänomen von größter Bedeutung.

Wie diese Erscheinung zustande kommen, d. h. was das Gewissen sein mag, ist in erster Linie eine philosophische Frage, und es wird manchem vermessen erscheinen, wenn ein Autor (Constantin von Monakow: Gehirn und Gewissen, Morgarten-Verlag, Conzett & Huber, Zürich 1950) den Versuch macht, eine Verbindung zwischen dem Gewissen und der zuletzt doch stofflichen, materiellen Tätigkeit des Nervensystems herzustellen. Die Arbeit des in Rußland geborenen und in früher Jugend in die Schweiz eingewanderten Monakow, der ein bedeutender Gehirnforscher war und als Gründer des Zürcher Hirnanatomischen Instituts Weltruf erlangte, ist aber von solcher Originalität und Dokumentation, daß sie der Philosophie manchen Anstoß geben könnte. Man wundert sich, daß die darin enthaltenen Gedanken nicht längst eine breite Aufmerksamkeit gefunden haben, denn Monakow hatte sie schon in den zwanziger Jahren in mehreren Vorträgen formuliert, nachdem er, unter dem Eindruck des sinnlosen Mordens des ersten Weltkrieges, seinen Standort von der reinen Naturwissenschaft zur Philosophie, gewissermaßen auf die Schwelle zwischen beiden Wissensgebieten verlegt hatte.

Der Kompaß im Organismus

Monakow geht davon aus, daß in jedem lebenden Protoplasma (Zellenstaat) – auch schon vor der Entwicklung eines besonderen Nervensystems und vor Beginn einer ausgesprochenen Arbeitsteilung im Organismus – eine Art psychischer, d. h. auf vitale Leistungen und Ziele eingestellter Kompaß untergebracht sein muß, welcher unter Berücksichtigung und Betonung der allgemeinen Ziele des Lebens (Sicherung, Mehrung, Perfektion des Geschlechts usw.) bei jedem unsichtbaren oder sichtbaren Zusammenstoß zwischen den Impulsen und Gefühlen den Ausschlag gibt. Diesen Kompaß, dieses regulierende Etwas, das dem "Riesenprotoplasma Mensch" in jeder Lebenslage die seinem gegenwärtigen und auch zukünftigen Gedeihen beste Aktionsrichtung zu geben sucht, und zwar vorerst ohne klare Spiegelung im Bewußtsein, nennt Monakow Syneidesis (griechisches Wort für Gewissen) oder das biologische Gewissen. Dieses biologische Gewissen, das Monakow mit dem "Urwillen" der altindischen Literatur und mit dem Willen der Schopenhauerschen Metaphysik vergleicht, ist zunächst mit den eigentlichen, den nichtintellektuellen Lebensvorgängen befaßt. Es dient dem Instinkt der Lebenssicherung etwa, wenn es, gänzlich unter der Schwelle des Bewußtseins, rein körperliche Ausfallerscheinungen ausgleicht, ja sogar schon beim Embryo genetische Fehler korrigiert. Aber im Bereich der Syneidesis befinden sich keineswegs nur die auf die unmittelbare Lebenssicherung gerichteten Instinkte, sondern ebensosehr die auf fernere Ziele gerichteten, Unter ihrem Schutz steht auch z. B. die Gesundheit, d. h. die zukünftige Leistungsfähigkeit, die Erhaltung und Vermehrung der Art zusamt mit der Verantwortung für das kommende Geschlecht, das soziale Leben usw. Es scheint Monakows Auffassung zu sein, daß in der Syneidesis ein Clearing eine Abrechnung der Instinkte stattfindet, so daß in jedem Falle eine Entscheidung zustande kommt. Sowie die in der Sphäre des Unbewußten gefällte Entscheidung in die Bewußtseinsphase tritt, "greift die Syneidesis varnend oder aufmunternd in die weitere Entwicklung des psychischen Prozesses (sog. Willensakt) ein und ordnet den Vollzug der Antwort auf den stattgefundenen, von außen oder innen empfangenen Reiz oder Eindruck an, im Sinne einer unmittelbaren Aktion oder Ruhe (Aufschiebung, Sperrung, Schweigen)".

Signal zur Umkehr Die Syneidesis registriert jeden, besonders den dem ganzen Geschlecht schädlichen Weg einer Handlung, sie mißbilligt ihn auf der Bewußtseinsschwelle sofort oder eventuell später (Art "Reue" zunächst im Organismus) und bringt, auch schon unter der Schwelle des Bewußtseins, das viszerale (die inneren Vorgänge wie Verdauung usw. steuernde) Nervensystem und das Drüsensystem in Aktion, unter Umständen in Aufruhr, wie durch Störung der Herztätigkeit, des Schlafes, der Atmung, der Verdauung usw. Hier setzt sofort, unbewußt und automatisch, das Signal zur Umkehr, zur Korrektur des begangenen Fehlers mit der Tendenz zur Wiederherstellung der sinngemäßen Funktionsordnung ein. Umgekehrt billigt sie den richtigen Weg durch Freude, Befriedigung und Anspannung zur Fortsetzung. Sie "spannt in jedem Fall die treibenden Kräfte des Organismus und der Persönlichkeit auf der ganzen Linie an, um das Geschöpf (und den Organismus) zu Akten, die ihm, der menschlichen Kollektivität und vor allem den künftigen Generationen förderlich sein können, nach Maßgabe der Erziehung und der Sitten der Gegenwart, anzuspornen".