Von Hauptgeschältsführer Dipl.-Ing. Dr. jur. Carl von Katzler

Die Bandindustrie des Wuppertals hat eine lange Geschichte. Zum erstenmal wird im Jahre 1549 urkundlich in einem Vertrage zwischen Schwelm und Elberfeld das „Lindtwirken“, also das Weben von Bändern erwähnt. Gegen Anfang des 17. Jahrhunderts hat sich dann im Wuppertal eine Anzahl „Posamenten-Mäkers“ niedergelassen, die wegen der religiösen Wirren ihre frühere Heimat Holland verlassen hatten. Die Seidenbandfabrikation dagegen ist in Wuppertal erst seit dem Beginn des 18. Jahrhunderts zu Hause, und das Weben von Spitzen, den sogenannten Lingetten, kennt man ebenfalls erst seit dem Beginn des 18. Jahrhunderts. Die heutige Industrie der Maschinenklöppelspitzen ist allerdings noch jüngeren Datums. Sie wurde eigentlich erst um die Wende dieses Jahrhunderts begründet.

Auch die Flechterei, die zunächst mit dem Flechten von Schnürriemen durch Frauen und Kinder ihren Anfang nahm, ist seit Beginn des 18. Jahrhunderts in Wuppertal heimisch. Um das Jahr 1750 herum wurde die erste mechanische Flechtmaschine, der sogenannte Riemengang, in Betrieb genommen, der zuerst von Hand und ab 1780 herum durch Wasserkraft angetrieben wurde. Man sieht: die Wuppertaler Band- und Flechtartikelindustrie kann auf eine lange Tradition zurückblicken.

Ursprünglich ganz auf der Hausindustrie und dem Heimgewerbe beruhend, hat sie sich nach Erfindung des mechanischen Bandstuhles und der Einführung des Antriebs durch Dampfmaschine und Elektromotor zu einem bedeutenden Industriezweig entwickelt. Die Bandstühle, Klöppelmaschinen und Riemen ginge haben sich zudem zu technischen Wunderwerken entfaltet, die neben der Kenntnis des Webens oder Flechtens auch genaues Verständnis ihres oft recht komplizierten Mechanismus verlangen.

Die betriebliche Organisation ist trotzdem heute auch noch vorwiegend der Mittel und Kleinbetrieb geblieben. Nur ein kleiner Prozentsatz der Betriebe beschäftigt mehr als 50 Arbeiter. Daraus erklärt sich auch, daß heute noch der Wuppertaler Band- und Flechtartikelindustrie die Kapitalgesellschaft fast völlig fremd ist, und daß nach wie vor die Leitung durch den Privatunternehmer der Industrie ihren Stempel aufdrückt. Daneben hat sich aber auch das Heimgewerbe bis auf den heutigen Tag durchaus lebendig erhalten. Man schätzt die Zahl der Webstühle in den Betrieben der Industrie auf etwa 6000 bis 7000, während die Zahl der Stühle in der Heimindustrie auch heute noch bei etwa 3000 liegen dürfte. Die Schäden, die der Krieg in erheblichem Maße in den Betrieben wie auch im Heimgewerbe verursacht hat, konnten zwar noch nicht alle behoben werden, aber im großen und ganzen entspricht die Leistungsfähigkeit der Wuppertaler Industrie heute doch schon wieder voll ihren Absatzmöglichkeiten. An die Stelle der vier Sorten Bänder, die uns im Jahre 1610 begegneten, ist allerdings inzwischen ein Produktionsprogramm getreten, das in dieser Reichhaltigkeit wohl in kaum einem anderen Zweige der Textilindustrie anzutreffen ist. Angefangen vom textilen Fallhammertreibriemen aus Kamelhaargarn für die Schwerindustrie bis herunter zum Dekorationsband, das die Erzeugnisse der Süßwarenindustrie schmückt, vom Gurtband bis zu den gummielastischen Artikeln, die in der Miederindustrie oder Trikotagenindustrie ihre Verwendung finden, vom Hohlschlauch für die Radioindustrie bis zum Schnürsenkel, vom Reißverschlußband bis zu den Webetiketten, von der Hutlitze bis zur feinsten Maschinenklöppelspitze – es ist wirklich eine unendliche Anzahl von Erzeugnissen für die allerverschiedensten Verwendungszwecke, die die Wuppertaler Schmalweberei und Flechterei hervorbringt.

Das Charakteristische der Wuppertaler Band- und Flechtartikelindustrie ist ihre bedeutende Anpassungsfähigkeit. Immer wieder hat es Zeiten gegeben, in denen die Ungunst der Mode oder der Wechsel des Materials dazu zwang, fast von heute auf morgen das bisherige Produktionsprogramm aufzugeben und andere gängigere Artikel zu fabrizieren. In großem Umfang war das auch im letzten Kriege der Fall, als an die Stelle des Seidenbandes das Fallschirmband, an die Stelle der Trachtenbänder und Webetiketten die Litzen und Tressen der Wehrmacht treten mußten. Aber auch die ebenso plötzliche Umstellung auf eine Friedensproduktion bereitete keine unlösbaren Probleme. Heute ist das Sortiment in „Banner Artikeln“ reichhaltiger denn je zuvor.

Daß diese Bemühungen erfolgreich sind, beweisen die steigenden Exportziffern der letzten Monate. Hier handelt es sich nicht um eine „Korea-Konjunktur“, sondern um die Befriedigung einer echten Nachfrage nach Qualitätserzeugnissen. Vor allem sind es Seiden- und Kunstseidenbänder, Webetiketten und Klöppelspitzen, die gerne aus dem Wuppertal bezogen werden.