Stuttgart, Ende Februar

Die Halbmillionenstadt Stuttgart hatte seit Sommer 1949 nur noch zwei Sprechbühnen: das seriöse, etwas schwer bewegliche Staatsschauspiel (seit Jahresfrist im Schauspielhaus untergekommen) und das zwischen Avantgardismus (mit manchmal unzulänglichen Mitteln) und Unterhaltung lavierende Junge Theater, das als Kollektiv spielt. Jetzt wurde im Goldenen Saal des wieder ausgebauten altberühmten Hotels im Zentrum der Stadt mit Rattigans Schauspiel „Der Fall Winslow“ die „Komödie im Marquardt“ eröffnet. Hier soll auf rein privater Basis mit Prominenten von Bühne und Film von wechselnden Ensembles, zu denen gelegentlich, auch Stuttgarter Schauspieler verpflichtet werden, gepflegtes Unterhaltungstheater bisweilen auch etwas mehr, gemacht werden. Der Zuschauerraum ist reizvoll intim in seinem zwar etwas geschmäcklerischen Klassizismus, die Bestuhlung der nur 400 Plätze gut, die Bühne für Kammertheater ausreichend. Der künstlerische Leiter Hanns Odendahl kündigt als nächste Stücke Lippls Komödie „Der Engel mit dem Saitenspiel“ mit Maria Holst, Dieter Borsche und Ernst Martens unter der Regie von H. C. Müller und „Jean der Träumer“ von Marcel Achard mit Dagmar Altrichter in der weiblichen Hauptrolle an. Zunächst haben aber einmal Rudolf Forster, Heidemarie Hatheyer und Hans Leibelt im „Fall Winslow“ Erfolg. Ob indessen ein solches Boulevard-Theater in dem sparsamen, wenig ausgehfreudigen Stuttgart Bestand haben kann, wird sich rasch zeigen, H. D.