Die Vorliebe von Autoren und Publikum für den Generationen-Roman läßt sich wohl nur zum Teil aus der Tatsache erklären, daß die Generations-Thematik ein gleichsam naturgegebenes Kompositionsschema für die so schwierige Kunstform des Romans bietet. Es wirken sich außerdem gewisse Erfahrungen der jüngsten Vergangenheit aus, die gezeigt haben, welch sähe Struktur das Leben der Familie hat und wie sehr sich die so lebenspraktischen bürgerlichen Gepflogenheiten auch in Katastrophenzeiten behaupten.

Bei der Dynastie der Boussardeis in Philippe Hériats Roman („Familie Boussardel“, Wolfgang Krüger Verlag, Hamburg, 610 S., DM 14,50) handelt es sich um eine Pariser Familie des reichgewordenen Bürgertums im vorigen Jahrhundert. Persönliches Glück und individuelle Eigenart haben wenig Daseinsrecht für die Mitglieder dieser sich zwischen erstem und zweitem Kaiserreich immer mächtiger entwickelnden Familie. Der Erzähler vermeidet es, einen Gründer in den Vordergrund der Handlung zu stellen, wie das meist in Generations-Romanen geschieht, oder einzelne Figuren mit besonders einnehmenden Wesenszügen auszustatten. Die Höhepunkte der Handlung bilden nicht Eigenentwicklungen aus der Art geschlagener Einzelgänger, sondern die Kämpfe um den Fortbestand und die Sicherung der Familienhierarchie. Wenig erschüttert durch Revolutionen, Staatsstreiche und Kriege kaufen und verkaufen die Makler Boussardel ihre im Wert ständig steigenden Grundstücke in der Umgebung von Paris. Die Zeitereignisse werden aus der Perspektive der um ihren Besitz besorgten Geschäftsleute und durch die Augen der Frauen und Mütter mit ihren Kindersorgen gesehen und geschildert, fragmentarisch und verworren, durch keinerlei objektivierenden Abstand geordnet – auch dies ein bewußtes Stilmittel des Autors, dem es nicht um eine kulturhistorische Studie, sondern um die Chronik einer Familie zu tun ist, in deren Annalen, wie es einmal heißt, ein Keuchhusten, eine Hochzeit, ein Wohnungswechsel ebensoviel oder mehr bedeuten als der Tod des großen Kaisers auf St. Helena oder die Überquerung des Ozeans im Dampfschiff. Geno Hartlaub