Von unserem Berliner Korrespondenten

K. W. Berlin, Ende Februar

Vorausgegangen war Stalins Interview. In ihm waren, unter vielem anderen. Töne dieser Art geschlagen worden: Die UNO habe sich selbst liquidiert, sie sei ein rein amerikanisches Machtinstrument geworden. Mit diesen Stalin-Worten im Gepäck waren etwa dreihundert Leute aus allen Teilen des Erdballs nach Ostberlin gereist. Mitglieder und Delegierte des „Weltfriedensrats“: Russen, Polen, Ungarn, Tschechoslowaken, Franzosen, Engländer, Chinesen, Italiener, auch dieser oder jener Amerikaner – jeder von ihnen ein gläubiger Stalinist. FDJ stand bereit und drückte allen Ankommenden, ob Männern oder Frauen, Chrysanthemen in den Arm. Die Volkspolizei aber hielt sich diskret im Hintergrunde. Auch Pieck, Grotewohl, Ulbricht und die anderen alle übten Zurückhaltung, während die Delegierten des „Weltfriedensrates“ sagten. Dies geschah im „Haus der Presse“ mit viel technischem Aufgebot von Übertragungsanlagen und mit sichtlicher Nachahmung der Gebräuche von Lake Success,

Was der „Weltfriedensrat“ bedeuten sollte, sagte der sowjetische Schriftsteller Ilja Ehrenburg gleich am ersten Tage: „Unser hohes Organ, der Weltfriedensrat, die einzige internationale Organisation, die die wahren Vertreter der Völker umfaßt...“ Da war es heraus: Dieser „Rat“ soll entweder die UNO sprengen oder mindestens aber eine Gegenorganisation gegen sie setzen. Dazu ist es, so viel auch in den ersten Tagen darauf zugeredet worden ist, freilich nicht gekommen. War das Stalin-Interview etwa falsch verstanden worden? Es zeigt sich, daß dies keine Versammlung von Staatsmännern war, sondern eine bunt schillernde Zusammenkunft von Menschen aus 81 Staaten: der Sozialist Pietro Nenni aus Italien und der Rote Dekan von Canterbury, der Metropolit Nikolai und der Methodistenprediger Belfar aus England, Professor Hromadkau aus Prag und der Landwirt Reinau aus Lörrach, der brasilianische Poet Jorge Armado und der ukrainische Volkskommissar Korneitschuk, der altersschwere ehemalige Kapitänleutnant von Mücke und der polnische kommunistische Chauvinist Infeld ...

Sie alle sprachen und meinten, daß der Frieden eine wunderbare Sache sei. Aber ihre Friedenssehnsucht verbanden sie mit Beschimpfungen gegen die Nicht-Kommunisten. Ein Thema war der Ratstagung aus Moskau besonders gestellt worden: Die Einbeziehung Deutschlands in die westliche Welt – kurz „Remilitarisierung“ genannt – bedrohe den Frieden der Welt, sie heiße Krieg. Das entscheidende Ringen der Menschheit spiele sich auf deutschem Boden ab, sagte der französische Kommunist Yves Farge. Er stachelte bei dieser These seine bulgarischen, sowjetischen, ungarischen, italienischen Zuhörer zu der Behauptung auf, die Amerikaner hätten den Frieden der Welt bereits damit unterminiert, daß sie Morgenthaus Vernichtungsplan gegenüber Deutschland aufgegeben hätten. Der kommunistische Dichter Becher und der evangelische Pfarrer Herz aus Leipzig – ebenso der Hamburger Kommunist Hein Fink saßen dabei und nickten. Der Hamburger Fink malte den gläubigen Ratsmitgliedern dazu ein Bild von Westdeutschland, von seinen angeblich bereits mehr als 500 000 Soldaten, von seinen Kasernen und Panzerfabtiken, von seinen Kanonenöfen und Kasernengefilden, von seinen unterminierten Fabriken und Westwällen – in Dimensionen, die vielfach schon die hitlerischen Maße hinter sich ließen. Eine Volksabstimmung gegen die Remilitarisierung kündigte Anna Seeghers, die kommunistische Dichterin, an, und die Einberufung einer internationalen Konferenz gegen die Remilitarisierung Deutschlands wollte der Franzose Jean Lafitte als Vorkonferenz für die Vier-Mächte-Konferenz. Und Ilja Ehrenburg, der eloquente und gallige Propagandist des Kremls, wies nach, wie diese Bewegung gegen die deutsche Mitrüstung eine vom Kommunismus völlig freie und losgelöste Aktion sei. „Sind Niemöller, sind Heinemann vielleicht Kommunisten?“ Ehrenburg nannte sie „die anständigen, die wahren Deutschen“. Er nannte die französischen Chauvinisten, die sich gegen das Hineinwachsen Deutschlands in Europa stemmen, „die wahren Franzosen“. Er nannte die britischen Zauderer gegenüber der atlantischen Gemeinschaft und die Empire-Besorgten die „wahren Engländer“. Und der Metropolit Moskaus, dem neben dem goldglitzernden orthodoxen Kreuz Stalins Orden auf der Kutte blitzte, hatte für die westlichen Staatsmänner nur Bezeichnungen wie „Giftmischer“, „Blutsauger“, Kriegsfurien“...

Eine andere Farbe in das stalinistische Feuerwerk der „Friedenspartisanen“ kam von den Chinesen. Von Professor Kuo Mo Jo, dem stellvertretenden Ministerpräsidenten Pekings und von seinen drei, vier Begleitern, die immer, in einer seltsamen sich distanzierenden Gruppe, die Tage über dabei waren. Von ihnen ging ein beinahe sachlicher Ton aus, ein realistischer Vorsatz, Sie benutzten die Versammlung in Berlin, um klar eine Fünf-Mächte-Konferenz zu verlangen: eine Konferenz zwischen USA, UdSSR, England, Frankreich und Maos China. Einen Friedenspakt der fünf Mächte, der praktisch die Welt betreffen soll, forderte der schmale kleine Professor aus Peking. Die um ihn saßen, fanden Asiens Verlangen jedoch offensichtlich zu realistisch. Daß er dazu die UNO aufforderte, den Beschluß, der China zum Aggressor erklärt hatte, zu revidieren – auch dies schien der Mehrzahl der kommunistischen Delegierten befremdlich wenig, Sie lächelten ein bißchen, als sie merkten, wie gering gerade für die Chinesen der sonst so freigebige Beifall in der Berliner Friedrichstraße war.

Der Vorschlag, eine Delegation nach Lake Success zu entsenden, um den „Weltfriedensrat“ solchermaßen der UNO gegenüberzustellen, kam zwar von der unsichtbaren Leitung der Ratstagung, von Moskau, Aber an der Formulierung, daß die UNO aufgefordert werde, gemäß der Charta von San Franzisko ihre Arbeit wiederaufzunehmen, haben Maos Delegierte entscheidend mitgewirkt.