Ein Zuwachs im deutschen Bestände dramatischer Dichtungen wurde versprochen und erhofft. Aber das Ergebnis der zwei Hamburger Premierenabende war bescheidener: Hans Rehfischs neugefaßter „Juckenack“ erwies sich (im Deutschen Schauspielhaus) vor strengen, literarischen Maßstäben als ein in der Substanz schmales, in der Diskussion längliches und in der Figurenzeichnung unscharfes Gedankenexperiment, Günter Weisenborns „Drei ehrenwerte Herren“ (in den Kammerspielen) als eine Farce mit vagem Tasten nach erbaulichem Sinn. Beides sind aber Schauspielerstücke mit kräftigen Rollen, für den Konsum der Theater nicht zu mißachten, wenngleich keines dem Anspruch nachkommt, den ihre Autoren selbst durch programmatische Äußerungen wecken.

„Er ist ein Heiliger“, sagt das entgleiste Mädchen bei Rehfisch von dem Doktor Juckenack, der sie – ohne Gegenleistung – auf die rechte Bahn bringen möchte. Aber Juckenack fehlt zum Heiligen die Unbefangenheit. Er möchte selbstlos han-Mein, um ein Soll an guten Werken zu erfüllen und sein Seelenheil zu garantieren – also aus Egoismus. Ein Revenant, der seine frühere Existenz ins andere, falsche Extrem kehrt und sich vor der ungebrochenen Selbstsucht der Lebenden blamiert. Das ist ein Komödienkern, ganz schön bitter; er ergibt ein paar würzige Szenen: etwa wenn Juckenack dem entgleisten Mädchen, das mit ihm flirten möchte, die Anfangsgründe der höheren Bildung vermittelt, oder wenn sich herausstellt, daß Juckenacks Aktienpaket einem Hochstapler auf die Beine geholfen hat. Aber Rehfisch gießt viel wässerige Dialektik darüber, verwischt die Konturen durch Einführung anderer Gegensätze (Heuchelei-Zynismus, Amtsgenauigkeit-menschliches Gefühl), läßt über Christus, die Justiz, die junge Generation debattieren und erreicht dann doch nur, daß die fünf Personen um sich selbst rotieren und den Dialogen der Faden abhanden kommt. Die drei Akte haben den Umfang einer strichlosen „Tristan“-Aufführung und wurden unter Gerhard Büntes Regie so umständlich zelebriert, als seien sie mindestens von Hebbel. Daß den Zuschauern trotzdem die Geduld nicht ganz ausging, lag außer an dem erfinderischen Spiel der fünf exzellenten Darsteller (Speelmans, Edda Seippel, Dahms, Gustl Busch, Mendler) eben auch daran, daß Rehfisch bei aller Aufblähung ins Weltanschauliche doch instinktiv nie ganz den Boden unter den Füßen verliert, von dem er in die Region der Poesie entschweben möchte: den Bretterboden des Theaters, Denn der bedeutet auch dann noch Welt, wenn die Autoren sich seiner schämen.

Auch dann noch, wenn Günter Weisenborn ihn mit reformatorischem Ernst zur „ortlosen“ Fläche für einen Spaß bestimmt, der Scherz und Satire mischt, aber die tiefere Bedeutung ohne Ironie an der Rampe vorträgt. „Robert und Bertram“, auf Zeitnähe gebracht, als Dokument einer Theaterreform? So grundsätzlich sind heute in Deutschland die Balladendichter und Bänkelsänger, wenn sie Lust haben, einen Schwank zu schreiben. Statt die vergnügte Moritat von den drei 1945 entlassenen Zuchthäuslern, die irrtümlich für die neueingesetzten Stadtväter gehalten werden und sich eulenspiegelnd aus dem Abenteuer herausziehen – statt sie nur einfach zu schreiben, umhüllt Weisenborn sie mit einem Dunst von grimmigen Klagen und inbrünstigen Sehnsüchten (teils in dozierender Prosa, teils in Villonisch-Btechtischen Strophen mit Harmonika). Am Schluß, wenn jeder Hans sein Gretchen gefunden hat und auch die Erznazis für den demokratischen Aufbau gewonnen sind, flattert Picassos Friedenstaube durch den ortlosen Raum,

Bis dahin ist aber viel Gelegenheit zu Narrenspossen und witzigem Stegreifspiel. Sie wurde bei der Uraufführung so ausgiebig und präzise wahrgenommen, daß der Dunst fast verging. Es war ein Sieg des Theaters über die pädagogische Absicht, ein Sieg der spielerischen Phantasie über den literarischen Ehrgeiz, ein Sieg der „drei ehrenwerten Herren“ und ihrer Gegenparts (Helmut Peine, Robert Nietzschmann, Inge Schmidt und anderer) über ihren Dichter, der allerdings als Mitregisseur das Kapriolenspiel munter gefördert hatte und so in angenehmster Form sich selbst desavouierte. cel.