Während diese Zeilen geschrieben werden, im ein junger 22jähriger Mensch. durch die Straßen Hamburgs und weiß nicht, wohin. Rolf Berger freut sich seiner Freiheit nicht. Solange er wegen Bettelei im Hamburger Gefängnis saß, war er’s zufrieden. Nun, in der Freiheit ist er wieder ein desertierter – Fremdenlegionär geworden.

Rolf Berger ist kein Held. Als der letzte Krieg sich seinem Ende zuneigte, da wurde er von der Schulbank fortgeholt und wurde Flakhelfer. Seither ist er arbeitslos. Seine Eltern leben zwar noch in seiner Heimat Westfalen, ihm aber hat sich, wie er sagt, „nie eine Lehrstelle geboten“. Und also beschloß er, „ohne Geld auf Reisen zu gehen“, mit anderen Worten: zu landstreichern. So kam er eines Tages nach Mainz ...

„Mainz liegt am linken Rheinufer gegenüber der Mündung des Mains in den Rhein“, so steht es im Brockhaus. Von einem offiziellen französischen Werbungsbüro für die Fremdenlegion steht dort nichts. Gerade dorthin aber führte weniger die Vorsehung als vielmehr die Kälte in den mittleren Januartagen den jungen Rolf Berger. Gesund und unbescholten wie er war, fand er sich bald im Sammellager Offenburg in Baden wieder. Nun wurde es ernst. Er wurde eingekleidet, und noch bevor er sich an das Kratzen der olivgrünen Montur mit der blau-weiß-roten Kokarde gewöhnt hatte, hieß es schon: Die „Neuen“ werden bald abtransportiert, erst nach Marseille und dann nach Sidi bei Abbes in Nordafrika. Die Erzählungen im Lager von der kommenden schlechten Behandlung in der Legion taten ein übriges. Rolf Berger bekam Angst. Seine unsteten Augen spähten nach einer Gelegenheit zur Flucht. Und als sie gefunden ward, da machte er sich unverzüglich auf „per Anhalter“ und von Tür zu Tür nach Hamburg, um dort in einer Großstadt unterzutauchen, soweit es ging, entfernt von der französischen Besatzungszone.

Allein er hatte doppeltes Pech: Am 8. Februar wurde er ins Hamburger Untersuchungsgefängnis eingeliefert; er war in einem Etagenhaus beim Betteln aufgegriffen worden. Und schon wenige Tage später erschienen zwei französische Gendarmen im Straf justizgebäude am Sievekingplatz; sie hatten den Auftrag, den „Deserteur“ zurückzubringen. Niemand weiß genau, wie die Franzosen Wind von Bergers Bettelei in Hamburg bekommen haben, vermutlich durch eine Querverbindung zum polizeilichen Fahndungsdienst.

Hamburgs Behörden lehnten die Herausgabe Bergers ab. „Kein Deutscher darf an das Ausland ausgeliefert werden“, heißt es im Artikel 16 Absatz 2 des Grundgesetzes. Frankreichs Gendarmen ließen sich das schriftlich geben und fuhren mit leeren Handschellen zurück gen Koblenz. Berger saß beruhigt in seiner Zelle. Er hatte es warm, bekam satt zu essen, wurde bemitleidet, und kein Alliierter konnte ihm ans Leder. Die Oberstaatsanwaltschaft aber hatte Sorgen. Es bestand Grund zur Annahme, daß die französischen Besatzungsbehörden mit dem Verlauf der Aktion nicht so zufrieden sein würden wie der Untersuchungshäftling Berger. Wie – und manche Anzeichen sprachen dafür – wenn sich bei Bergers Entlassung zwei Männer einer „anderen Besatzungsmacht“ vor dem Gefängnistor einfänden, um den Deserteur auszuliefern und damit ihre alliierten Pflichten zu erfüllen?

Der Bettler Berger war zum staatsrechtlichen Problem geworden. Er ist es noch heute, auch wenn ihm dank der fairness der Hamburger Justizbehörden nach einer kurzen schmerzlosen Verhandlung am Dienstagvormittag, von Öffentlichkeit und Besatzungsmächten unbemerkt, die Freiheit wieder geschenkt wurde, die Freiheit, mit der er nichts Rechtes anzufangen weiß. Denn: Solange es in Deutschland westliche Besatzungsmächte geben wird, wird Berger keinen Frieden finden können. Er kann sich nicht niederlassen, um ein brauchbares Mitglied der Gesellschaft zu werden, ohne Gefahr zu laufen, verhaftet zu werden. Ja, nicht einmal kriminell zu werden, lohnt sich für den Tunichtgut, denn dann – siehe Hamburg – wird er nach einer angemessenen Strafe möglicherweise weitere Jahre in Afrika verbringen müssen. Man sieht, es geht nicht um Rolf Berger allein. Es geht um das Prinzips Haben die Franzosen in einem solchen Fall das Recht auf Auslieferung oder nicht?

Das Grundgesetz verbietet jede Auslieferung. Das Besatzungsstatut kann diesen Artikel außer Kraft setzen, wenn es sich um, Personen handelt, die Sicherheit und Ansehen der Besatzungsbehörden gefährden. Das dürfte beim Bettler Berger wohl kaum der Fall sein.