Die Hauptgemeinschaft des Deutschen Einzelhandels in Köln ist laut „Jahresbericht 1950“, der in diesen Tagen veröffentlicht wurde, der Meinung, ihre aus der Erfahrung der letzten Jahre abgeleitete Pflege der politischen Arbeit sei richtig und werde auch für die Zukunft die Aufmerksamkeit der Hauptgemeinschaft erfordern. Hinter dieser Auffassung verbirgt sich offenbar die Sorge um den gegenwärtigen und künftigen Wirtschaftsablauf, der für den Einzelhandel schon manch kritische Situation brachte und noch bringen dürfte. Diesen kritischen Situationen schon vor einem möglicherweise drohenden „Aufstand der öffentlichen Meinung“ zu begegnen, soll Ziel der politischen Arbeit sein. Der Präsident der Hauptgemeinschaft des Deutschen Einzelhandels sowie andere namhafte Einzelhandelskaufleute gehören dem Bundestag an, und sie werden dafür sorgen wollen, daß die defensive Haltung durch eine Offensive im parlamentarischen Raum abgelöst wird.

Dieser Absicht liegt auch ein wirtschaftliches Anliegen zugrunde, denn die Volkswirtschaftlich und wirtschaftspolitisch richtige Art der Bedarfsbefriedigung der Verbraucher hängt nicht wenig von der Einsicht und Umsicht der Einzelhändler ab. Aber eine wie auch immer betriebene politische Aktivität einer wirtschaftlichen Berufsorganisation enthält Gefahren, die sich beim Einzelhandel deshalb noch vergrößern könnten, weil er weder soziologisch noch wirtschaftlich ein fest gefügtes Gebilde darstellt wie etwa die Gewerkschaften. Die heutige organisatorische Form des Einzelhandels ist nicht identisch mit dem einstigen „Mittelstand“. Zu der modernen Organisation des Einzelhandels zählen neben den Warmhäusern auch die Filialbetriebe, die wirtschaftlich gewiß Einzelhandelsfunktionen erfüllen, aber soziologisch nicht dem früheren „Mittelstand“ zuzuzählen wären.

Weil das nun so ist und weil die alte Idee des „Mittelstandes“ noch lebt, kann man in letzter Zeit in gewissen Einzelhändlerkreisen das Argument hören, die offizielle Einzelhandelspolitik sei nicht gerade besonders „mittelstandsfreundlich“. So schien es zu einem bestimmten Zeitpunkt, als ob die Frage der Umsatzsteuer zu einer ernsten Belastungsprobe sich auszuweiten imstande sein könnte.

Es ist freilich eine Frage, ob sich auf die Dauer eine ausschließliche und in mancherlei Beziehung überlebte Mittelstandsidee halten kann, denn in der Wirklichkeit der ökonomischen und politischen Strömungen könnte sie sich unter Umständen als zu starr erweisen, vor allem auch bezüglich einer praktischen betrieblichen Rationalisierung, die wiederum mit den Preisen zu tun hat. M. D.