HGST Stuttgart, im Februar

Wenn es jemals noch eine deutsche Geschichtsschreibung gibt, dann wird man die geduldige Kraft des ‚Maiertums‘, das behutsame Hausvatertum nicht genug preisen müssen,“ Zu dieser Würdigung des württembergisch-badischen Ministerpräsidenten Dr. Reinhold Maier verstieg sich kürzlich in unschuldiger Naivität der Dichter Ernst Gläser. Inzwischen feierte das Maiemmi seine dritte Auferstehung im Stuttgarter Staatsministerium. Als Reichstagsabgeordneter gehörte Dr. Reinhold Maier zu denjenigen, die für das Ermächtigungsgesetz Adolf Hitlers stimmten. Als erster von der Besatzungsmacht berufener Ministerpräsident in Württemberg-Baden unterzeichnete er das Entnazifizierungsgesetz. Während seiner zweiten Ministerpräsidentschaft erlebte das Musterländle die beiden größten Skandale der deutschen Nachkriegszeit: den Bürkleskandal, bei dem mehrere Millionen Spargelder der Stuttgarter Girokasse spekulativen Objekten anvertraut wurden, und jenen großen Entnazifizierungsskandal, der mit dem Prozeß Maier gegen Meier endete.

Seine dritte Amtszeit leitete der Ministerpräsident mit Reden ein, die die höchsten Instanten der deutschen Demokratie als „Bundeszentraltheater“ charakterisierten und die Behauptung aufstellten, General Eisenhower habe dem Bundeskanzler das „Spielzeug der Aufrüstung aus der Hand geschlagen“. Es ist ein trauriges Zeichen für die schwäbische Presse, daß solche Marginalien ungerügt abgedruckt werden konnten – tröstlich nur, daß wenigstens einem wackeren Schwaben die Geduld riß. Es war der Bundestagsabgeordnete für den Wahlkreis Backnang, Dr. Eugen Gerstenmeier, der seinem Landsmann die verdiente Zurechtweisung erteilte und die Frage stellte, ob Dr. Maier noch, länger für sein Amt qualifiziert sei. Große Geister vergeben sich bekanntlich nichts, wenn sie einen Irrtum eingestehen und ein unbedachtes Wort zurücknehmen. Dr. Maier aber beschritt einen anderen Weg. Im Zusammenspiel mit dem als Zwischenrufer verpflichteten SPD-Abgeordneten Möller gab er Dr. Gerstenmeier von der Tribüne des Landtags Bedenkzeit, widrigenfalls er das von Dr. Gerstenmeier gegründete und geführte Hilfswerk der Evangelischen Kirchen Deutschlands der Zoll- und Devisenschiebungen verdächtigen werde. Als Gerstenmeier die Drohung in den Wind schlug, bemühte der entgleiste Politiker Maier sich selbst in seiner zweiten Funktion als Justizminister, zitierte den Staatsanwalt und leitete ein Verfahren gegen Gerstenmeier ein.

Dieser Versuch, einen berechtigten Tadel mit einer Verleumdung heimzuzahlen, aus der Politik ein Geschäft zu machen, ein hohes Staatsamt zur Austragung persönlicher Rachegelüste zu mißbrauchen, wirkt um so ungeheuerlicher, wenn man bedenkt, daß die Verdächtigungen sich gegen das 1945 gegründete Evangelische Hilfswerk richten. Als Mittlerin humanitärer Bestrebungen des Auslandes, vor allem der Vereinigten Staaten, hat das Hilfswerk ohne Übertreibung Hunderttausenden von Deutschen das Leben gerettet, indem es ihnen die physische Fortexistenz und darüber hinaus Arbeit und Verdienst ermöglichte. In einer Zeit entstanden, wo Hilfe wichtiger war als bürokratische Ordnung, wo es weder eine Landes- noch Bundesregierung, sondern nur fremde Militärbehörden gab, ständig bedroht durch Geldverfall und Währungsreform, war dieses große auf Selbsthilfe angewiesene Sozialwerk oft genötigt zu handeln, ehe geklärt werden konnte, welche Bestimmungen außer Kraft gesetzt oder gerade neu erfunden worden waren. Nach der Wiederkehr geordneter Verhältnisse ist die Praxis des Hilfswerks bei der Einfuhr von Liebesgaben Gegenstand eingehender Prüfungen durch die Finanzbehörden in Württemberg-Baden und später des Bundes gewesen. Am 22. August 1950 sind diese Verhandlungen abgeschlossen worden, wobei sich die Aufsichtsbehörden von der Integrität der Geschäftsgebarung des Hilfswerks voll überzeugten. All dies ist Dr. Maier, der ja seit 5 Jahren amtiert, genau bekannt. Trotzdem wagt er es jetzt im blinden Haß gegen seinen Landsmann Gerstenmeier, die Evangelische Kirche Deutschlands in eine rein persönliche Auseinandersetzung zu ziehen, den Fall Maier in einen Fall Gerstenmeier umzuwandeln. Der bekannte Anwalt Dr. Wolfgang Schweinberger, der ein intimer Kenner der Praktiken jenes „Maiertums“ ist, hat die Wahrung der Interessen von Dr. Gerstenmeier übernommen.