Vielerorts ist heute das Problem der Arbeitslosigkeit durch den Überschuß an weiblichen Kräften bestimmt. Wuppertal dagegen hat fast keine Arbeitslosen und ist von der Berufsnot der weiblichen Jugendlichen und Schulentlassenen gegenüber anderen Großstädten kaum betroffen. Der vierte Teil aller weiblichen Einwohner ist berufstätig, mehr als ein Drittel aller Arbeitenden sind Frauen. Diese Situation ergibt sich aus der wirtschaftlichen Struktur der Stadt: Der größte Prozentsatz der weiblichen Beschäftigten ist mit 60 v. H. bei den Berufsgruppen der Textilhersteller und -verarbeiter der Wirtschaftsgruppe Industrie und Handwerk. In wesentlichem Abstand folgt die Gruppe Handel und Verkehr.

Die ausgedehnte Aufnahmemöglichkeit, die schon auf die Anfänge der Textilindustrie zurückgeht und eine familiengebundene Berufseinstellung mit sich gebracht hat, hat naturgemäß die Freude an den hauswirtschaftlichen und sozialpflegerischen Berufen zurücktreten lassen. Das hat außerdem noch sozialpolitische Gründe. Als nach der Währungsreform zunehmende Arbeitslosigkeit drohte, hat sich auch das Wuppertaler Arbeitsamt in Verbindung mit Industrie, Handwerk und Gewerkschaften sehr bemüht, Beschäftigungs- und Arbeitsmöglichkeiten zu schaffen. Es sind jedoch keine besonderen Einrichtungen, kaum Umschulungen notwendig geworden. Die Werbung um mehr Lehrstellen und der Bedarf der Industrie haben sogar noch aus anderen Ländern, zum Beispiel Schleswig-Holstein, Flüchtlingsmädel nach Wuppertal gebracht. Zwei neue konfessionelle Lehrlingsheime vermögen nicht alle angeforderten Jugendlichen aufzunehmen.

Die Textil-, vor allem die Bekleidungsindustrie braucht die ausgebildete Facharbeiterin. Es gibt eine ganze Anzahl anerkannter Anlern- und Lehrberufe. Die gelernte Arbeit genießt eine andere Achtung und gibt Aufstiegsmöglichkeiten für den Tüchtigen. Sogar die meisten Hilfsarbeiterinnen haben eine kurzfristige und innerbetriebliche Ausbildung. Allen Schwierigkeiten zum Trotz bemüht sich die Wuppertaler Industrie- und Handelskammer in guter Zusammenarbeit mit der Berufsschule sehr um Berufsausbildung und Prüfungen der qualifizierten Arbeiterin und Facharbeiterin. Dasselbe gilt von der Kreishandwerkerschaft in bezug auf die weiblichen Lehrlinge des Handwerks.

Wo die Frau in so starkem Maße in das Wirtschaftsleben eingebaut ist, stellt sie der Stadt auch besondere soziale Aufgaben. Wuppertal hat. sie großzügig und verständnisvoll aufgegriffen. Zahlreiche Kindertagesheime, Horte und Kindervollheime helfen der erwerbstätigen Mutter in ihrer doppelten Berufsbelastung.

Trotz des wesentlichen Anteils der Frau an dem Berufsleben wird das öffentliche Leben von ihr kaum mitgeprägt. Sie arbeitet in einer vom Mann geschaffenen Welt. Das Wollen und die Verantwortung zur Mitgestaltung des Betriebes aus den Kräften ihres Wesens heraus sind selten. Der aufgeschlossene, moderne Betriebsführer allerdings weiß, daß die Bindung an den Betrieb, daß die innere Arbeitsbefriedigung die Leistung stützen, und er sucht sich weibliche Führungskräfte für die Arbeiterinnen, welche mit fachlicher, betrieblicher Tüchtigkeit sozialpädagogische Fähigkeiten verbinden.

Trotz des aktiven Interesses der Frau an der Gewerkschaftsbewegung, trotz Frauenorganisationen, Frauenring, Hausfrauenbund und konfessionellen Berufsverbänden sind von den 79 Wuppertaler Stadtverordneten nur acht Frauen. Dabei ist doch neben der in Wuppertal so zahlreich im Erwerbsleben stehenden Frau auch die in der eigenen Hauswirtschaft beschäftigte „berufstätig“. Ihre Beteiligung an der Gestaltung des sozialen, wirtschaftlichen und kulturellen Lebens sollte nicht geringer sein.

M. Hegemann