Vor einiger Zeit erschien in der amerikanischen Presse ein offenbar amtlich inspirierter Artikel über die Schlüsselstellung Japans im Fernen Osten, der mit folgenden Sätzen schloß: „Wir müssen uns mit den Risiken, die mit einem Wiedererstehen Japans verbunden sind, abfinden; nicht nur, weil ein starkes Japan auf weite Sicht der einzige Weg zur Wiederherstellung der balance of power im Fernen Osten ist, sondern weil sich Japan mit Naturnotwendigkeit wieder zu einer Großmacht entwickeln wird, gleichgültig ob wir oder die Russen dagegen sind. Der Ausgleich der Geschichte ist unerbittlich. Dieser geschichtliche Prozeß kann durch Widerstand verzögert, aber nicht ausgeschaltet werden. Widerstand von unserer Seite würde uns die Japaner nur entfremden.“ – Diese Sätze fassen also die grundsätzlichen Erwägungen zusammen, die Washington dazu veranlaßten, den Friedensvertrag mit Japan vorzubereiten. Präsident Truman hat mit dieser Aufgabe John Foster Dulles beauftragt, der als Leiter einer Kommission von Vertretern des State department und des Verteidigungsministeriums in den Tagen vom 25. Januar bis 11. Februar in Tokio vorbereitende Gespräche führte.

Der Notenwechsel zwischen Washington und Moskau über die Grundlagen eines japanischen Friedensvertrages hatte gezeigt, daß die Auffassungen der beiden Staaten unvereinbar sind. Die Vereinigten Staaten unternahmen daher den Versuch, eine gemeinsame Front mit den zwölf Ländern, die am Kriege gegen Japan beteiligt waren, aufzubauen. Die Vorarbeiten waren erfolgreich abgeschlossen worden, so daß Mr. Dulles und auch seine japanischen Gesprächspartner sicher sein konnten, daß ihre Besprechungen über den kommenden amerikanisch-japanischen Friedensvertrag zugleich die Grundlage für die abzuschließenden bilateralen Verträge der anderen Alliierten mit Japan darstellen würden. Das schwierigste Problem bei den Gesprächen in Tokio war zweifellos die Frage einer Wieder-Bewaffnung Japans, die von den USA lebhaft gewünscht wurde, von Japan aber sehr zurückhaltend behandelt wird.

Die Erfahrungen, die das State department bei der gleichen Frage mit der westdeutschen Regierung gesammelt hatten ließen es ratsam erscheinen, von Anfang an klar zum Ausdruck zu bringen, daß die Vereinigten Staaten beabsichtigten, Japans Souveränität auf politischem, wirtschaftlichem und militärischem Gebiet uneingeschränkt anzuerkennen. Foster Dulles erklärte daher ausdrücklich, daß es Japan nach dem Friedensschluß freistünde, auf gesetzlichem Wege die von den Besatzungsbehörden eingeführten Reformen abzuändern oder abzuschaffen. Eine Ausnahme würden allerdings die Urteile gegen „Kriegsverbrecher“ bilden, die, obwohl sie von nicht-japanischen Gerichten gefällt worden seien, von japanischen Gerichten nicht aufgehoben werden könnten.

Für seine „innere Sicherheit“ gegen kommunistische Angriffe müsse Japan selber sorgen. Wenn Japan hierzu entschlossen sei, könne es – wenn es wolle – sich an einem kollektiven Schutz gegen „direkte Aggression“ beteiligen. Falls Japan dementsprechend handele, würden die Vereinigten Staaten bereit sein, das weitere Verbleiben amerikanischer Truppen in oder um Japan mit „Sympathie zu erwägen“. In einer formellen Erklärung über den Verlauf der Gespräche erklärte Ministerpräsident Yoschida, daß die „Einladung zur Teilnahme an kollektiven Sicherheitsmaßnahmen, einschließlich der Stationierung amerikanischer Streitkräfte in und um Japans Hauptinsen, eine sehr günstige Reaktion hervorgerufen“ hätte. Die endgültigen Entscheidungen könnte Japan aber erst dann treffen, wenn es als gleichberechtigter Staat in die Gesellschaft der freien Völker aufgenommen worden sei.

Als John Foster Dulles in Tokio eine japanische Beteiligung an einem regionalen Sicherheitssystem anregte, lag der von ihm im Einverständnis mit Washington ausgearbeitete, aber noch geheimgehaltene Plan für einen Pazifik-Pakt bereits bei der USA-UNO-Kommission in Lake Success vor. Nachdem Mr. Dulles im Anschluß an die Tokioer Gespräche in Manila und Canberra die Gewißheit erhalten hatte, daß die Regierungen der Philippinen, Australiens und Neuseelands nicht nur bereit waren, mit den USA einen Pazifik-Pakt abzuschließen, sondern auch der Aufnahme Japans als gleichberechtigtem Partner zuzustimmen, schien der Moment zur Veröffentlichung gekommen.

Am 16. Februar wurde in Lake Success der amerikanische Vorschlag zum Abschluß eines Pazifik-Paktes bekanntgegeben. Wie beim Nordatlantik-Pakt wird jeder Angriff auf einen Mitgliedstaat als Angriff gegen alle aufgefaßt. Solange Japan dem Pakt noch nicht beigetreten ist, soll seine Sicherheit durch eine Erklärung gewährleistet werden, in der die vier Paktteilnehmer (USA, Philippinen, Australien und Neuseeland) feststellen, daß ein Angriff auf Japan wie ein Angriff auf einen der Mitgliedstaaten betrachtet werde.

Die Tatsache, daß weder die Teilnahme irgendeines Staates auf dem asiatischen Festland, noch Englands oder Frankreichs, die in Malaya und Indochina in schwere Kämpfe mit Aufständischen vernickelt sind, angeregt wurde, läßt darauf schließen, daß die Vereinigten Staaten es vermeiden wollen, sich durch weitere Garantieverträge militärisch auf dem asiatischen Festland zum Nachteil ihrer Verpflichtungen in Westeuropa zu binden. – Auch die national-chinesische Regierung Tschiang Kai Scheks auf Formosa ist noch nicht aufgefordert worden, dem Pazifik-Pakt beizutreten. Anscheinend will Washington die Tür zu einer Verständigung mit Peking noch nicht endgültig zuschlagen.

Die Regierung in Peking aber wird den Pazifik-Pakt genau so als ein Instrument westlicher Aggression betrachten und bekämpfen wie die Sowjetunion den Nordatlantik-Pakt. Der Beitritt eines souveränen Japan in den Pazifik-Pakt könnte nach den Bestimmungen des russischchinesischen Freundschafts- und Beistandspaktes vom 14. Februar 1950 den Bündnisfall eintreten lassen. So könnte in Japan der Frieden den Krieg auslösen. Ernst Krüger