Es gibt Straßen und Plätze, deren Namen zu einem Begriff geworden sind. Sprach der Kaufmann vom Hausvogteiplatz in Berlin, so meinte er die Damenkonfektion, sprach er vom Brühl in Leipzig, so war der Pelzhandel gemeint. Wer von der Hofaue redet, spricht von dem westdeutschen Zentrum des Textilgroßhandels und der Bekleidungsindustrie, einer Lebensader Wuppertals. Die Hofaue ist so bekannt, daß kürzlich eine amerikanische Modenzeitschrift ohne Länderbezeichnung einfach von der „Hofaue“ sprechen konnte und ein Brief aus Südamerika mit der Anschrift: „Hofaue in Germany“ ohne Verzögerung den Adressaten erreichte.

Viele der dort ansässigen Firmen sind Ende des 18. und Anfang des 19. Jahrhunderts gegründet worden und können sich auf eine über hundert Jahre alte Tradition berufen. Von diesen Veteranen gingen zahllose Neugründungen aus, die sich alle hier und in den Nebenstraßen niederließen, so daß sich der Kunde ohne Zeitverlust von einem Geschäft zum anderen begeben kann. Er findet dort Herren- und Futterstoffe, Webwaren aus Baumwolle, Wolle und Halbwolle, Seidenstoffe, Leinen und Halbleinen, Möbel- und Dekorationsstoffe, Gardinen, Teppiche, Trikotagen, Strumpfwaren, Besatzartikel, Spitzen, Knöpfe und Kurzwaren aller Art. Der Textilgroßhandel wird durch die zahlreichen Fabrikanten von Herren- und Damenbekleidung sowie von Wäsche aller Art, Schürzen, Trikotagen und Wirkwaren glücklich ergänzt.

Den schwersten Schlag in ihrer Geschichte erlitt die Hofaue durch den konzentrierten Luftangriff in der Nacht zum 25. Juni 1943, in der über 150 Unternehmungen in Schutt und Asche gelegt wurden. In 55 Minuten wurden Warenlager im Gesamtwert von über 30 Millionen vernichtet – von den ungeheuren Werten an Gebäuden, Maschinen und sonstigen Einrichtungen gar nicht zu reden. Wer nach dieser Schreckensnacht die Hofaue passierte, mußte wohl annehmen, daß deren Schicksal endgültig besiegelt sei. Aber schon wenige Tage später regte sich der alte Unternehmergeist, und in Gemeinschaft mit dem noch verbliebenen Personal machte man sich unverdrossen sofort an den Wiederaufbau.

Heute, fast acht Jahre nach jener furchtbaren Nacht, hat die Hofaue ihr altes Gesicht wiederbekommen; nur noch wenige Lücken und Ruinen erinnern an damals. Schon sind in der Hofaue und in den Seitenstraßen wieder etwa 150 Firmen des Großhandels und der Bekleidungsindustrie in reger Tätigkeit. Die im Jahre 1950 erzielten Gesamtumsätze werden auf 80 Mill. DM geschätzt.

Vom gesamten deutschen Einzelhandelsumsatz, der auf 8,5 Mrd. geschätzt wird, entfallen 25 v. H. auf Textilien. Ein erheblicher Anteil davon fließt durch den Großhandel, dem es trotz aller Kreditrestriktionen inzwischen wieder gelungen ist, seine alten Funktionen als Bankier und Lagerhalter des Einzelhandels zu erfüllen und ihm das Mode- und Konjunkturrisiko abzunehmen. Grundlage aller Geschäfte sind die Einheitsbedingungen der deutschen Textil- und Bekleidungsindustrie, die zwischen den Spitzenverbänden der Textilindustrie, der Bekleidungsindustrie, des Textilgroßhandels und des Textileinzelhandels vereinbart, durch jahrzehntelange Anwendung inzwischen Handelsbrauch geworden sind.

Der Großhandel ist das Mittelglied zwischen Industrie und Einzelhandel. Er nimmt der Industrie den Ausbau und die Aufrechterhaltung eines kostspieligen Verteilungsapparates ab; er schützt sie vor risikovoller Lagerhaltung innerhalb der eigenen Fabrik und übernimmt für die Industrie das (für sie unübersehbare) Kreditrisiko. Dank genauer Kenntnis der Absatzmöglichkeiten, der Bedürfnisse und Wünsche der Abnehmerschaft ist der Großhandel in der Lage, entsprechend der Mode und dem Geschmack der Verbraucher so rechtzeitig Aufträge an die Industrie zu übermitteln, wie sie es für ein geordnetes Fabrikationsprogramm braucht. Ein richtig arbeitender Großhandel schützt die Industrie vor der Fertigstellung nicht absetzbarer Erzeugnisse, also vor – volkswirtschaftlichen – Verlusten.

Der Einzelhandel aber wird durch den Großhandel von der Lagerhaltung größeren Umfanges entlastet; der Großhandel gestattet ihm gewissermaßen, von der Hand in den Mund zu leben. Die Ursache vieler Zahlungseinstellungen der Jahre 1926 bis 1930 war ja ein zu großes Lager des Einzelhändlers: er glaubte, den Großhändler nicht nötig zu haben. Das Lehrgeld für diese irrige Auffassung hat er teuer genug bezahlen müssen. Weiter schützt der Großhändler den Einzelhändler vor Fehldispositionen und sichert ihm eine gleichmäßige, gleichbleibende Preisgestaltung.