Von Oberbürgermeister Daum, Wuppertal

Für Wuppertal hat kürzlich ein Reporter eine bemerkenswerte Metapher geprägt „Die Enge Wuppertals erinnert an jene komplizierten Kunstwerke, die von Matrosen in eine Flasche – gesäubert werden. Man weiß nicht, wie diese hochragenden Wände und Masten hineinkommen, Und nun ist auch noch alles kurz und klein geschmolzen und soll durch den Flaschenhals hindurch geheilt werden, Tatsächlich, die Aufgaben, die den Wuppertalern in diesen Jahren gestellt sind, können nur mit der Geduld dieses Matrosen, der „durch den Flaschenhals“ baut, gelöst werden. 17 Kilometer lang ist die Stadt, die sich von Osten nach Westen erstreckt. Über zehn Kilometer mißt dieses Tal, in das die beiden Städte Barmen und Elberfeld gezwängt worden sind, aus dem sie sich auf die Höhen emporgestemmt haben, ohne jedoch dieses, Tal als Grundlage des Verkehrs und des Handels und der Industrie zu verlassen. Wuppertal ist sozusagen der Bindestrich zwischen Nordrhein und Westfalen. Es liegt an der Grenze des niedersächsischen und fränkischen Stammes, aber es ist heute bei dem beängstigenden Abschnellen des Verkehrs nicht eine Brücke und ein Verbindungsweg, sondern fast eine Barriere zwischen den beiden ehemaligen Provinzen.

Seit Jahrzehnten ist die Frage einer Durchgangsstraße für diese Stadt akut gewesen. Nun hat der Bau begonnen. Der gnadenlose Phosphorkrieg, der die Stadt verstümmelte und zerfetzte, hat in dem engen Tal Raum dafür geschaffen. Sieben Kilometer lang ist diese Straße, sie wird wohl das teuerste Verkehrsobjekt Westdeutschlands nach den Rheinbrücken sein. Jeder Kilometer wird durchschnittlich acht Millionen D-Mark kosten, und diese Straße ist so wichtig wie die großen Brücken über die Ströme des Landes. Mit dieser berechtigten Begründung hat sich Wuppertal um die Hilfe des Bundes und des Landes bemüht. Die Talstraße wird das wichtigste Stück der heutigen Bundesstraße 7 sein. Sie soll 35 Meter breit werden und zahlreiche Wupperbrücken und Straßendurchbrüche erfordern. Der Anfang ist sowohl im Stadtteil Barmen wie in Elberfeld gemacht worden. Die ersten Teilabschnitte werden in diesem Jahre beendet sein. Für sie stehen die Gelder bereit. Diese Straße wird die beiden Geschäftszentren Barmen und Elberfeld miteinander verbinden; sie wird es ermöglichen, Wuppertal als eine allmählich organisch verstrebte Stadt mit schnellen .inneren Verbindungen anzusehen. Aus der Verkehrssituation und aus der topographischen Lage Wuppertals wurde einst die Idee der Schwebebahn geboren. Heute muß sich die Stadt dem Problem des Autoverkehrs stellen und es lösen.

Zu gleicher Zeit besteht die Notwendigkeit, neue Industriegebiete zu erschließen. Es darf nicht wieder so kommen wie vor fast 70 Jahren, als Friedrich Bayer das enge Tal der Wupper verließ und bedeutende Teile seiner Firma nach Leverkusen verlegte, weil er keine Ausdehnungsmöglichkeit an der Wupper mehr sah. Hart an der westfälischen Grenze wird dieses Industriegelände der Wuppertaler Wirtschaft neue Chancen geben. Auch beim Wohnungsbau ist die Wiederbelebung der angestammten Stadtteile im Tale und die Gewinnung neuer Siedlungen in den Außenbezirken eine Aufgabe, die Improvisation und Zähigkeit verlangt.

Mit der Geduld, die der Seemann aufbringen muß, wenn er sein Schiff durch den Flaschenhals baut, wird Wuppertal seine Pläne in die Tat umsetzen. Zu ihnen gehört auch die Aufforstung. Die Wälder Wuppertals reichen bis an die Fabrikhöfe und Industriegebäude heran. Diese Park- und Waldlandschaft versöhnt immer wieder mit den ungewöhnlichen Aufgaben, die uns das Tal stellt. Die Wuppertaler haben aus dieser topographischen Situation immer originelle Folgerungen gezogen. Überraschungen sind bei ihnen auch jetzt nicht ausgeschlossen.