Er, der sonst immer unerschüttert, ist heut von Tragik tief umwittert,,,

Gewiß gibt es dicke Männer, denen vom Schicksal die Rolle zugemessen zu sein scheint, gleichsam Zeit ihres Lebens mühselig durch ein Meer von Melancholie waten zu müssen. Aber mit dem vitalen, aktiven, entschlußfreudigen und mitteilsamen Typ des Dicken, wie ihn unser Bundeswirtschaftsminister in seiner beweglichen Fülle so trefflich verkörpert, ist der Begriff des Tragischen prima vista offenbar völlig, unvereinbar. Und doch klingt auch in diesem Dasein, das von einem denkbar glücklichen Temperament regiert wird, bisweilen eine tragische Note an. Es ist die Tragik dessen, der unbequem ist und sich unbeliebt macht, der seinen Mitmenschen „auf die Nerven fällt“, weil er mit dem, was er sagt, zu oft recht behält. Damit schafft man sich eben keine Freunde. Und noch etwas anderes spielt herein: Die Tragik Sancho Pansas, dessen Schicksal es ist, mit behutsamer Hand und mit fast übermenschlicher Geduld das ausgleichen und zurechtbiegen zu müssen, was sein aktionsfreudiger Herr und Meister Don Quichotte, improvisierend, und dabei jede Kontinuität einer echten Konzeption souverän verachtend, durch kurzschlüssiges Handeln verdorben hat....

Ein Katalog solcher Donquichotterien, mit denen Erhards Kabinettskollegen und Koalitionsfreunde immer wieder aufwarten, würde dicke Bücher füllen. Da ist die FDP-Fraktion, die sich, mangels hinreichender eigener Kenntnisse auf diesem Gebiet, ihr agrarpolitisches Programm durch Herrn von Rohr, den Staatssekretär des Landwirtschaftsministers Hilgenberg im ersten Hitler – Kabinett unseligen Angedenkens, ausarbeiten läßt. Und so ist es denn auch ausgefallen: mit der Anerkennung des Prinzips, daß die Preise „die“ Kosten (welche Kosten aber? die des gut oder die des schlecht wirtschaftenden Betriebs?) decken müßten, und mit einem – durch den Begriff der „Einfuhrschleuse“ schamhaft umschriebenen – handfesten Protektionismus. Um den Kurs noch klarer zu bestimmen, hat Herr von Rohr die Forderung erhoben: Der Bauer müsse wieder „autark denken“.

Nun sind freilich die Unterschiede zwischen dem, was die offizielle Richtung der „Grünen Gewerkschaft“ im Bauernverband – unter Dr. Hermes – anstrebt, und dem, was die „agrarpolitische Opposition“ des Herrn von Rohr will, im Endeffekt nicht mehr erheblich. Hermes hat nur das Prä für Sich, daß Dr. Adenauer sich mit ihm an einen Tisch gesetzt hat und seinen Vorschlägen zustimmt, die nicht nur – was noch vernünftig wäre – eine Abschaffung der Subventionen für die Lebensmitteleinfuhren vorsehen, sondern eine allgemeine Verteuerung für Agrarprodukte, auch insoweit, als deren Preise (wie für Milch, Butter, Fleisch) über Weltmarktstand liegen. Dabei soll die Margarine nicht nur entsprechend den höheren Rohstoffpreisen, sondern zusätzlich auch durch „Beimischung“ von Butter (um endlich die 20 000 t Buttervorräte loszuwerden, die wir zur Preisstützung gelagert haben!) verteuert werden...

In unserer heutigen Situation aber käme es entscheidend darauf an, die Anpassung der innerdeutschen Preise an den Weltmarktstand so lange wie nur irgend möglich hinauszuzögern. Wir haben den großen Vorteil, daß unsere Großhandelspreise seit „Korea“ bisher erst um 16 v. H. angestiegen sind, gegenüber dem Doppelten in Frankreich, dem Vierfachen in England. Natürlich wird eine gewisse Anpassung an die Weltmarktpreise noch „nachkleckern“. Auch das von Erhard. angeregte „Zwecksparen“, das einen generellen Sparzwang glücklich vermeidet (weil der Verbraucher dabei jederzeit auf andere Waren „ausweichen“ kann) belastet den Verbraucher – zunächst. Dafür bringt es aber auch, an anderer Stelle der Volkswirtschaft, gewisse Mehrleistungen. Und das ist das Wesentliche: daß insgesamt mehr geleistet wird – nicht darauf, daß jede Belastung vermieden oder ausgeglichen wird. Gefährlich würde die Entwicklung erst dann werden, wenn Bonn die Donquichotterie soweit treiben zu können meint, daß in einem „schmerzlosen Ausgleich“ jeder Einkommensbezieher soviel mehr erhalten könnte, als die Belastung durch echte Knappheitspreise ausmacht. Hoffen wir also, daß die bessere Einsicht durchdringt, damit unserm Sancho Pansa dort die echte Tragik des Mannes erspart bleibt, der von sich sagen kann: „Ich habe rechtzeitig und mit guten Gründen gewarnt – aber vergeblich!“ Erwin Topf