Von Professor Dr. Hörlein

Daß wissenschaftliche Forschung die Grundlage für jede chemische Fabrik bildet, galt nicht als selbstverständlich. Auch in den 1863 gegründeten Farbenfabriken Bayer bat man sich anfangs mit empirischen Methoden und erworbenen Rezeigten geholfen.

1884 war der erste, ohne jede Vorbehandlung direkt auf Baumwolle aufziehende Azofarbstoff, das Congorot, erfunden worden, das in den Händen, der „Agfa“ in Berlin zu einem großen geschäftlichen Erfolg wurde. Duisberg, der um diese Zeit in die Farbenfabriken Bayer eingetreten war, gelang es bereits im ersten Jahr seiner Elberfelder Tätigkeit, das Congorot durch einen Patentrechtlich unabhängigen und in seinen Echtheitseigenschaften besseren Farbstoff zu überbieten, indem er an Stelle des Benzidins das Tolidin als Kupplungskomponente verwandte. Das so hergestellte Benzopurpurin und andere ähnliche rote und gelbe, auf Baumwolle direkt ziehende Farbstoffe, denen sich etwas später die mit Hilfe von Dianisidin erhältlichen blauen Farbstoffe anschlössen, waren für die Firma die Rettung aus großen finanziellen Schwierigkeiten, die durch die heftige Konkurrenz im Alizarin entstanden waren.

Die erzielten Gewinne gestatteten aber auch den Ausbau der wissenschaftlichen Abteilung durch das Engagement einer Anzahl von weiteren Chemikern, die der Firma Bayer auf dem Farbengebiet in rascher Aufwärtsentwicklung jene Stellung schufen, die sie aus der großen Zahl der damals existierenden Teerfarbenfabriken hervorhob.

Mit der Verlegung des Farbenlaboratoriums 1912 und von Farbenbetrieben nach Leverkusen wurde die Möglichkeit für eine großzügige Entwicklung der pharmazeutischen Abteilung in Elberfeld geschaffen, Ihre Gründung geht auf das Jahr 1888 zurück, in dem das von Duisberg und Flinsberg aus einem Nebenprodukt bei der Herstellung des oben erwähnten Dianisidins geschaffene Phenacetin in den Arzneischatz eingeführt wurde. Zahlreiche andere Heilmittel schlossen sich an. Erwähnt sei in dieser kurzen Übersicht nur das – 1899 dem Verkehr übergebene Aspirin.

Neben dem chemischen Laboratorium bestanden damals nur eine pharmakologische und eine bakteriologische Abteilung. Als erste Erweiterung kam ein chemotherapeutisches Laboratorium hinzu. In ihnen wurden das Malariamittel Atebrin und die gegen bakterielle Infektionen wirksamen Sulfonamide erfunden.

Die Versuche zu dieser Erfindung begannen wir nach dem ersten Weltkrieg mit der Herstellung synthetischer Heilmittel gegen Malaria, für deren Behandlung bis zu diesem Zeitpunkt nur das Naturprodukt Chinin zur Verfügung stand. Der erste Erfolg war das 1926 bekanntgegebene Plasmochin, dessen Wirkung gegen Malariaparasiten im experimentellen Versuch bei der Vogelmalaria erkannt worden war, das sich aber bei der Anwendung am malariakranken Menschen nur bei einer bestimmten Form des Erregers als wirksam erwies. Zu diesem Zeitpunkt machte der damalige Leiter des chemotherapeutischen Laboratoriums, Dr. Kikuth, die glückliche Beobachtung, daß man durch gleichzeitige Versuche an zwei verschiedenen Arten von Vogelmalaria die Wirkung eines Heilmittels auf die verschiedenen Formen der Malariaerreger nebeneinander erkennen kann. Mit Hilfe dieses neuartigen Laboratoriumstestes fand er ein von den Chemikern Dr. Mauß und Dr. Mietzsch auf Grund bestimmter Überlegungen und Arbeitshypothesen hergestelltes wirksames Produkt gegen die wichtigsten Formen des Malariaerregers, die sogenannten Ringformen: das Atebrin. Das Produkt wurde im Jahre 1932 in den Arzneischatz eingeführt.