Am 12. Februar hatte Attlee im Unterhaus gesagt, die Truppen dürften nicht noch einmal den 38. Breitengrad überschreiten. Am 15. Februar aber hat Truman in seiner allwöchentlichen Pressekonferenz erklärt: „Die Überschreitung des 38. Breitengrades ist eine strategische Frage, deren Lösung völlig der Autorität des Oberkommandierenden auf den! östlichen Kriegsschauplatz unterliegt.“ – Es ließe sich noch eine ganze Reihe widerspruchsvoller amerikanischer und englischer Äußerungen über diese Frage anführen. Jedenfalls hat man nicht den Eindruck, daß die militärische und die politische Leitung ihre Pläne und Ziele völlig aufeinander abgestimmt hätten. – All jene Fragen, die im Oktober schon einmal spruchreif waren, werden in dem Maße aufs neue akut, in dem sich die UNO-Truppen der verhängnisvollen Linie ein zweites Mal nähern.

Gewiß, die gegenwärtige Art der Kriegführung in Korea geht nicht auf Geländegewinn aus, sondern zielt darauf, dem Feinde möglichst schwere Verluste durch einen Materialkrieg zuzufügen. „Operation Hekatombe“ heißt der Feldzug im gegenwärtigen Stadium oder, im Munde der amerikanischen Soldaten, „Operation Killer“. Nichts dürfte im Augenblick die UNO-Truppen zu einem massiven Vorstoß nach Norden zwingen. Doch kann sich das durch einen Rückzug der Chinesen, wie man ihn schon einmal erlebt hat, von heute auf morgen ändern. Will MacArthur dann wieder in ein Gebiet eindringen, auf dessen, vertraglich zugestandene Besetzung die Sowjets zwar verzichtet haben, an dem sie aber ebenso stark interessiert sind wie die Amerikaner an Südkorea? Gewiß nicht umsonst hat Stalin in seinem letzten Interview fünfmal die Grenzen Chinas erwähnt, an denen ihre Sicherheit zu verteidigen die Volksrepublik das Recht habe.

Zwar entspräche es formal der Entschließung der UNO vom 7. Oktober, „eine geeinte, unabhängige und demokratische Regierung von Korea“ mit Waffengewalt herzustellen, das heißt: ganz Korea wieder zusammenzubringen. Aber hat sich inzwischen nicht gezeigt, daß praktisch ein solcher Auftrag auf die Notwendigkeit hinausliefe, China (wenn nicht gar die Sowjetunion) zu besiegen? Ein offener Krieg mit China sollte aber doch nach der Absprache Trumans mit Attlee vermieden werden! Wäre nicht der moralischen Verpflichtung Amerikas in seiner Sphäre und der Verpflichtung der UNO gegenüber dem Angegriffenen Genüge getan, wenn Südkorea mit seiner Grenze am 38. Breitengrad wiederhergestellt würde?

Die UNO ist die Wahrerin der Friedensverträge. Es ist nicht ihre Sache, einen so vollkommenen Frieden herzustellen, wie ihn die Verträge nicht herstellen konnten. Sie hat zu dieser Aufgabe auch gar nicht die Machtmittel, und es kann wohl sein, daß sie an dieser Aufgabe zerbräche. Ein unbedachtes Vorgehen in Korea – und zerbrechen könnte vielleicht sogar die Atlantikfront, deren Mitglieder sich nicht auf entfernten, zweitrangigen Schauplätzen binden können, wenn ihre eigenen Länder bedroht sind. Daher verlangen viele UNO-Staaten daß die Strategie der Vereinten Nationen in Korea den höheren Erfordernissen der Weltstrategie. untergeordnet werden müsse. Und daher warnen sie davor, den 38. Breitengrad noch einmal zu überschreiten. Paul Bourdin