Wuppertal gilt seit langem als einer der führenden deutschen Textilstandorte. Nach der Zahl der Betriebe steht es höchstwahrscheinlich an der Spitze vor den westdeutschen Schwestern. Fast 600 Textilindustrieunternehmen sind im Handelsregister zu findet; die „Nicht-Eingetragenen“ werden auch in die Hunderte gehen. Wuppertal ist zwar nicht nur Textilstadt – aber im gesamtwirtschaftlichen Gefüge liegt der Akzent auf der Spinnstoffwirtschaft.

Die deutsche Zersplitterung hat viele Fäden zerrissen, die Absatzwege zum Osten so gut wie verschüttet und spürbare Lücken im Garnbezug hinterlassen. Dieser Strukturwandel, der hoffentlich eines Tages wieder behoben sein wird, wurde und wird genau so verspürt wie die Dämpfung des Wettbewerbes sächsisch-thüringischer Unternehmen, die nicht zum Westen übergesiedelt sind (Teppiche, Möbelstoffe, Posamenten, Gardinen); umgekehrt wurde die Wuppertaler Spinnstoffwirtschaft infolge Zuzugs aus dem Osten bereichert (vor allen durch Wirk- und Strickwaren), so daß die textilindustrielle Mannigfaltigkeit roch größer ist als vor dem Zusammenbruch. Rund 30 000 Beschäftigte (gegen höchstens 35 000 vor dem Kriege) finden heute hier wieder ihr Brot in der Textilindustrie.

Es ist gewiß eine Merkwürdigkeit, daß sich an einem solchen Standort mit umfassendem Garnverbrauch keine Spinnerei natürlicher Fasern befindet. Die Übersiedelung der Kammgarnspinnerei Stöhr aus Leipzig bedeutet nur eine Verlegung des Firmensitzes. Indes sind die Chemiefasern maßgeblich durch die I.P. Bemberg AG. vertreten, die als ursprüngliche Türkischrotfärberei auf eine 160jährige Tradition zurückblicken kann. Seine Reyon-(Kunstseiden-)Garne, die z. T. bis zum web- und wirkbereiten Kettbaum hergestellt werden, sind außer der Zellglasfolie Cuprofan die wichtigsten Erzeugnisse. Nach Beseitigung schwerer Bombenschäden sind hier im Barmer Unternehmen wieder 2600 Menschen beschäftigt. Die Vereinigte Glanzstoff-Fabriken A. G. hingegen hat bis auf ein Reyon-Veredelungswerk in Wuppertal nur seinen Verwaltungssitz.

Die Verarbeitung von Rohgarnen zu Zwirnen, Effekt-, Näh- und Handarbeitsgarnen wird in Wuppertal von rund zwanzig Unternehmen betrieben. Ihre Kapazität ist zwar nicht zu vergleichen mit den großen süddeutschen Firmen, die vor dem Kriege fast 80 v. H. des gesamtdeutschen Nähfadenbedarfs befriedigen konnten, aber manches Unternehmen genießt wegen seiner Spezialitäten seit langem einen Ruf. – Die Stufen der hohen Verfeinerung mit mehr- und vielfachen Veredelungsmargen haben in Wuppertal einen besonderen Platz. Die weithin bekannte Ingenieurschule vertieft seit fünfzig Jahren die fachliche Ausbildung der jungen Generation, die bisweilen schon aus langer Ahnenreihe ein handwerkliches Geschick „ererbt“ hat. Auch Kunstgewerbe und Künstler finden ein Feld der Entfaltung. Sie alle begründeten und sichern den Ruf von Wuppertaler Teppichen und Möbelstoffen, von Druck- und Seidenstoffen, von „Barmer Artikeln“ – diesseits und jenseits der Grenzen.

Die Teppich- und Möbelstoff Industrie verfügt in der Stadt über zwölf Unternehmen. Hier hat der „deutsche Perser“, nach der Erfindung des Victoria-Greiferstuhles durch Carl Vorwerk, seine Geburtsstunde erlebt, mögen auch Farbenfülle und Noppendichte des handgeknüpften Orientteppichs im mechanischen Vorgang nicht erreicht werden können. Das Sortiment dieser Wuppertaler Industrien reicht vom Markenteppich bis zum Haargarn, vom Dekorationsstoff bis zur Wandbespannung, vom Bezugstoff hoher Qualität bis zu den Schuhplüschen u. a. m. Die führenden Werke pflegen wieder mit steigendem Erfolg den Export.

Ein weiterer wichtiger Zweig der Wuppertaler Breitweberei ist die Seiden- und Samtindustrie – richtiger: die Seiden- und Reyonweberei – und, seit einigen Jahren, die Industrie der leichten Damenwollstoffe, die in zusammen rund zwanzig Unternehmen über 3000 Menschen beschäftigt. Führend sind die Futterstoffwebereien, die mindestens 60 v. H. der westdeutschen Gesamtproduktion bestreiten. Darüber hinauswerden für das In- und Ausland Reyonstoffe, Halbseiden- und Seidengewebe gefertigt. Wuppertal ist im gewissen Grade ein Nebenbuhler Krefelds geworden. – Als jüngster Sproß hat sich der Spinnstoffwirtschaft hier in den letzten Jahren die Wirkerei und Strickerei hinzugesellt.

Die ureigene Domäne Wuppertals aber sind von alters her die Band- und Flechtartikel. Im Handelsregister sind fast 440 Unternehmen verzeichnet; die Gesamtzahl dürfte weit über 500 liegen. Hier ist neben einigen größeren Firmen der Mittel- und Kleinbetrieb zu Hause; hier ist die Wendigkeit des Unternehmers entscheidend für den Ausgleich konjunktureller, modischer und jahreszeitlicher Schwankungen; hier hat die hohe Verfeinerungswirtschaft, die dem Export als Grundlage dient, ein gewichtiges Wort.

Und schließlich, sieht man von Splittern „sonstiger“ Textilzweige ab, ist die wichtige Textilveredelung zu nennen, die als „Urahne“ der Wuppertaler Spinnstoffwirtschaft dem Ganzen von jeher – im wahrsten Sinne – die Farbe verlieh. Zumeist als Lohngewerbe betrieben, greift die Textilveredelung überall ein, um dem Gespinst, Gewirk, Gewebe oder Geflecht den Griff und den Schliff, den matten Glanz oder die Leuchtkraft der Farben auf den Weg zu geben. Wuppertaler Druckstoffe führender Firmen gehen weit in die Welt, zuweilen bis zu 50 v. H. der Gesamtproduktion. Die Textilveredlung des „Tales“ kann auf die Geschichte eines halben Jahrtausends zurückblicken und hat der Gegenwart und Zukunft mit immer wieder neuen Erfahrungen zu dienen. Dr. H. A. Niemeyer