Die deutsche Romanproduktion hat sich seit dem Kriegsende noch schärfer als früher in zwei auseinanderstrebende Tendenzen getrennt: sie verfährt entweder beschreibend („wirklichkeitsnah“ lautet dafür das lobende Prädikat) oder konstruierend. Aufzeichnung oder Utopie, „Galeere“ oder „Stadt hinter dem Strom“, Reportage oder Vision. Es gibt eine realistische und eine surrealistische Schule, sozusagen eine Hemingway-Linie und eine Camus-Linie. Daß ein Roman eine ganz konkrete, wahrscheinliche, vorfindbare Welt modellieren und dennoch eben diese kleinere, in sich geschlossene Welt als ein Gleichnis der größeren durchsichtig machen sollte – das hat sich bei den deutschen Autoren noch nicht herumgesprochen, obwohl so eminente Vorbilder wie Henry James und E. M. Forster zur Nachahmung herausfordern.

Hans Georg Brenners, des Achtundvierzigjährigen, erster größerer Roman „Das ehrsame Sodom“ (Claassen Verlag, Hamburg, 439 S., Leinen 12,50 DM) ist ein Werk dieses mittleren Weges zwischen den Extremen. Die Fabel, auf Spannung auch im kriminalistischen Sinne nicht verzichtend, spielt sich in einer kleinen, in Ostpreußen lokalisierten Stadt während weniger Spätsommertage des Jahres 1929 ab. Ein leichtsinniger, großspuriger Kaffeehausbesitzer wird von einer lebenslüsternen Bartänzerin angestiftet, mit Hilfe eines habgierigen, verkommenden und unerfahrenen Burschen einen Versicherungsmord an dem Ingenieur aus der Großstadt zu begehen, der dem Cafetier ähnlich sieht. Es bleibt bei dem Plan des Verbrechens; zur Ausführung reicht wohl der Scharfsinn hin, aber nicht die Energie, den bösen Vorsatz durchzustehen. Alle drei zerbrechen an der halben Schuld, die Männer gleiten in die Leere der Alltagsrutine, das Mädchen in den Wahnsinn,

Kaum gestreift von diesem Tumult, finden und verlieren einander die beiden Menschen, die Opfer des Anschlags werden sollten: Andreas, der fremde Ingenieur, und Elisabeth, das einsame Fräulein. Sie sind die Gegenbilder zur ungenügenden Selbstsucht der anderen. Verschlossen hüten sie ihre Unsicherheit, die aus dunkler Erfahrung rührt. Sie haben die Gabe des Verwandelns; sie sind die Geistigen. Sie leiden mehr, weil sie nach dem Recht ihrer Existenz fragen.

Aus der Verschlingung dieser zwei so verschiedenen (durch die leibliche Ähnlichkeit des Cafetiers mit dem Ingenieur beunruhigend nahe gebrachten Handlungsströme ergibt sich der Umriß einer Welt, die sich im Zerfall befindet, weil sie für ihr Bestehen nur noch auf die moralische Kraft des einzelnen angewiesen ist. Aber es ist keine bloß gedachte, sondern eine gesehene Welt. Die kleine Stadt, das „ehrsame Sodom“ mit seinen Straßen und Gärten, das Café mit seinen Stammgästen und seiner Musikkapelle, der Bahnhof, die liederliche „Parkschenke“ und Elisabeths einsames Haus – alles atmet und vibriert. Der Sartre-Übersetzer Brenner verwendet die Schnitttechnik des Franzosen, aber er dämpft sie ab und läßt dem Leser Muße, sich einzuleben C. E. L.