Die Kunstseide ist aus dem Bereich der textilen und technischen Massenrohstoffe nicht mehr wegzudenken. Dabei ist es erst 60 Jahre her, daß die industrielle Geschichte der Kunstseide beim Grafen Chardonnet in Besançon mit Nitroseide begann. Noch vor 1900 wurde in Deutschland dann das Kupferammoniakverfahren entwickelt, nach welchem der „Glanzstoff“ ursprünglich hergestellt wurde. 1906 erschien erstmals die in England erfundene Viskoseseide auf dem Markt. Als letztes Glied dieser Kette wurde die Azetatseide entwickelt.

Die Wuppertaler Textilindustrie hat ein wesentliches Verdienst, daß die Kunstseide über ihre kommerziell kritische Anfangszeit hinweggekommen ist. Die Hersteller der Barmer Artikel waren – nach den damaligen Maßstäben – die ersten Großabnehmer – sowohl für Chardonnetseide als auch dann für den deutschen Glanzsoff.

Alle genannten Kunstseidenarten tragen in Deutschland nun die gemeinsame Bezeichnung „Reyon“. Bei einem unter dieser Bezeichnung laufenden Garn haben wir es stets mit einem auf, der Grundlage von Zellulose, d. h. auf halbsynthetischem Wege hergestellten Produkt zu tun. 1949 entfielen von der Welterzeugung an Reyon auf die verschiedenen Verfahren – das Nitroverfahren spielt keine nennenswerte Rolle mehr – folgende Anteile: Kupferseide 2 v. H., Azetatseide 23 v. H., Viskoseseide 75 v. H. Im Jahre 1937 hatte die Weltproduktion an Reyon mit etwa 545 000 t ungefähr das fünfzigfache ihres Umfanges von 1913 erreicht. Im gleichen Zeitraum erhöhte sich die Welterzeugung an Naturseide von 27 000 auf 54 000 t. Und im vergangenen Jahre wurden in der Welt und 850 000 t Reyon hergestellt. Darunter befand sich eine erhebliche Menge technisches Reyon, das insbesondere für die Herstellung von Autoreifen Verwendung findet und auf diesem Gebiet der früher ausschließlich hierfür eingesetzten Baumwolle entschieden überlegen ist. Daneben gewinnt auch die Zellwolle, deren Entwicklung zu schildern nicht Aufgabe dieser Zeilen ist, ständig wachsende Bedeutung.

Nachdem bereits 1934 die Fabrikation der ausschließlich für technische Zwecke bestimmten PC-Faser der I. G. als erste vollsynthetische Faser der Welt aufgenommen werden konnte, gelangte der erste vollsynthetische Faden für textile Zwecke im Jahre 1938 auf den Markt; Nylon. Bereits ein Jahr später gelang dann die Entwicklung des deutschen Perlon.

Mit dieser vollsynthetischen Herstellung wurde ein grundsätzlich neuer Weg beschritten; bereits die ersten Ergebnisse dieses Verfahrens übertrafen alle natürlichen Bekleidungsfasern in ihren wichtigen Eigenschaften. Schätzungsweise 50 000 t vollsynthetisches Garn konnten 1950 in der Welt hergestellt werden. Die größten Produktionsstätten befinden sich in Amerika und England; selbst Italien hat inzwischen die Erzeugung von vollsynthetischem Garn aufgenommen. Erfreulicherweise fand auch Deutschland im Jahre 1950 den Anschluß an diese Entwicklung: im Oktober konnte die von der Vereinigte Glanzstoff-Fabriken A.-G. in Oberbruch bei Aachen errichtete erste Perlongarnfabrik der Bundesrepublik ihre Produktion aufnehmen.

Die Entwicklung der vollsynthetischen Garne steht erst am Anfang seines mit Nylon und Perlon begonnenen Weges. In den USA ist der erste Großbetrieb für die Erzeugung des Orlonfadens angelaufen, welcher Nylon und Perlon in einigen Eigenschaften noch überbietet, sie in anderen, besonders in der wichtigen Scheuerfestigkeit, freilich nicht erreicht. In Kürze werden Damenbekleidung, Unterwäsche und Arbeitsbekleidung aus Orlon dort am Markt erscheinen. Eine andere Erweiterung des Repertoires der vollsynthetischen Seide stellt das in England entdeckte „Terylene“ dar, vorläufig als „Fiber V“ bezeichnet. Auch die deutsche Forschung, die während des Krieges ungefähr gleichzeitig mit den Amerikanern die der Orionseide entsprechende Acrylnitrilseide zur Laboratoriumsreife entwickelt hatte (I. G.), ist wieder eifrig am Werk.

Allein mit Nylon, Perlon, Orlon und Terylene ist den vollsynthetischen Garnen wegen ihrer hervorragenden Eignung sowohl für textile als auch für viele technische Zwecke eine große Zukunft sicher. Im übrigen hat die internationale Forschung auf diesem Gebiet ihr letztes Wort noch längst nicht gesprochen. – Doch auch die Reyon-Erzeugung ist keineswegs am Ende ihrer technischen Entwicklung. Es sei nur auf die zunehmende Anwendung der sogenannten Kontinuespinnverfahren hingewiesen, die bedeutende Aussichten für eine weitere Hebung der Güte des Reyon bei gleichzeitiger Senkung seiner Gestehungskosten eröffnen, wobei die Produktion, unabhängig von Natureinflüssen, sich weitaus preisstabiler als ihre Konkurrenten erwiesen hat.