Von Jan Molitor

Vor fünfzig Jahren wurde die Schwebebahn eingeweiht, die die konkurrierenden Städte Elberfeld und Barmen verband. Da heute Wuppertal die Wiederkehr dieses Tages feiert, wird das allgemeine Interesse auf diese Großstadt im Bergischen Lande gelenkt, deren Tüchtigkeit und Originalität nicht genug gerühmt werden können.

Wuppertal – so steht es auf den Wegweisern an den Landstraßen; doch ist man eingetroffen in der Stadt, so sagen die Schilder nur noch: „Elberfeld“ oder „Barmen“ oder „Vohwinkel“. Als ob Wuppertal sich inzwischen wieder in seine alten Bestandteile aufgelöst hätte! Fährt man von Westen herein, dann erreicht man Elberfeld, und man hat den Eindruck einer rheinischen Stadt; kommt man von Osten, so gelangt man nach Barmen und glaubt, westfälische Charakterzüge zu spüren. Zwar haben die Bomben in dieser arg zerstörten Stadt manch äußeres Zeugnis innerer Gegensätze weggewischt und vieles gleichgehobelt. Aber im Westen wohnen immer noch die Kaufleute, im Osten immer noch die Arbeiter, „Und beide arbeiten wie die Verrückten“, sagte ein Mann aus Wuppertal.

Die Gegensätzlichkeiten sind es, die Wuppertal interessant machen. Und diese Gegensätzlichkeiten sind in den Wuppertalern selbst.

Nicht zufällig wurde Friedrich Engels in Wuppertal geboren, ein wohlhabender Fabrikanten-Sproß, der die innere Pflicht verspürte, sich auf die andere Seite, auf die Seite des Proletariats, zu schlagen: ein großer Rhetor und voll von Mitleid für die Unterdrückten. In Wuppertal schwingt Materielles und Metaphysisches gleicherweise. War es deshalb, daß kürzlich die Kommunisten im Stadtparlament den Antrag stellten, Friedrich Engels solle posthum zum Ehrenbürger Wuppertals ernannt werden? Jene breite Straße im engen Tal, die mindestens so viel Bedeutung hat wie die Schwebebahn über dem Flußbett und die noch verbreitert werden soll, heißt Friedrich-Engels-Allee. „Das genügt“, sprachen die Sozialdemokraten, die doch ihrerseits auch dem Namen Engels verpflichtet sind.

Die Wuppertaler Gegensätze sind subtil Drunten an der Wupper liegen die Fabriken, die aus alten Werkstätten erblühten: Arbeit und Geld und Geld und Arbeit! Droben aber, an einer Straße namens „Hardt“, liegt ein Gebäudekomplex, der die „Rheinische Missionsgesellschaft“, daneben die „Missionsschule“, daneben das „Predigerseminar“ und dann die „Theologische Hochschule“ birgt, und um Gotteslohn geht hier alles. – Rudolf Geck, der aus der „Frankfurter Zeitung“ bekannte unvergessene Schriftsteller, der aus Wuppertal stammte, erzählte einmal die Geschichte, wie ein erkrankter Färber, ehe er sich zu Bett legte, seinen Pfarrer bat, ihm für die langweilige Krankheitszeit ein Buch zu leihen. Der Pfarrer, ein humorvollderber Mann, gab ihm Wincklers Schelmenbuch vom „Tollen Bomberg“. – Gefragt, wie ihm das Buch gefallen habe, erwiderte nach seiner Gesundung der Färber: „Ach, Herr Pastor, hätt’ ich nicht gewußt: dat is Gotteswort, so hätt’ ich wohl manches Mal hell auflachen müssen!“

Mit dieser Geschichte ist zwar etwas sehr Typisches über das Wuppertaler Seelen-Klima ausgesprochen; doch heißt dies nicht, daß man, wie manche es taten, „Wuppertal“ in „Muckertal“ verkehren dürfte. Denn Mucker sind diese Leute eben nicht! Wo in aller Welt wird so herzhaft-männlich geflucht? Höchstens noch im benachbarten Remscheid oder Lennep! Das schallt nur so von „Dunnerkiel“, „Verdammt“ und „Gottsverdeeken!“, und selbst der Frömmste wär’ nicht selig, verstünde er sich nicht auf die Kunst des Fluchens und darauf, zuzeiten herzhaft grob zu sein, just nach dem Vorbild ihres Landsmannes von der Heydt, der, als er einstmals preußischer Handelsminister wurde, einem Beamten des Ministeriums ein schlagfertiges Wort entgegenschleuderte. – „Mit wem habe ich das Vergnügen?“ fragte der Beamte, erstaunt, morgens um acht einem Fremden im sonst noch ziemlich menschenleeren Ministerium zu sehen. „Von Vergnügen kann hier keine Rede sein“, erwiderte von der Heydt. „Ich bin der neue Minister.“