Berlin, Anfang März

Boleslaw Barlog hat in Berlin-Steglitz wieder einmal mit einer amerikanischen Importware Erfolg. Über Jahre hin war hier der Yankee-Reißer „Drei Mann auf einem Pferd“ ein Rekordschlager. Garson. Kamm Komödie „Nicht von gestern 1946 geschrieben und länger als drei Jahre am Broadway gespielt, lebt nicht wie jener Schwank aus dem Wettmilieu von der deftigen Komik jenseits der großen Wasser, sondern von einer Mischung satirischer, sozialkritischer und anderer ernstgemeinter Ingredienzien.

Die Amerikaner also haben sich dies Stück jahrelang angesehen, aber sie haben gewiß nicht – was allerdings auf deutschem Boden möglich ist – gesagt: so sind wir, so korrupt ist unsere politische Verwaltung; sondern sie haben sich daran erfreut, wie der rücksichtslose Gangster und Schieber, der Großverdiener mit Abfällen, seine schmutzigen Finger schließlich nicht mehr waschen kann. Es gibt da einen Senator, der sich für mächtige Dollars kaufen läßt, es gibt einen korrumpierten Staatsanwalt von gestern, der die Paragraphen für den Schieber biegt, und es gibt den jungen, moralfreudigen Journalisten, der den skrupellosen Money-Maker mitsamt seinem Anhang schließlich ins menschliche Normalmaß zurechtrückt. Eingewickelt und garniert werden die heiteren Figuren von der appetitlichen Gangsterfreundin, die der moralforsche Journalist in einem Pygmalion-Kurzkursus von der schönen, dummen Gans zur einsichtigen und resoluten Partisanin gegen die Unsauberkeit und zur soliden Ehefrau erzieht.

Das Stück ist das gute Beispiel für ein Theater, das auch die heiklen Stoffe der Gegenwart nicht nur mit dem tendenziösen Ernst der „moralischen Anstalt“ behandelt, sondern in die Schwären des eigenen Gefüges mit dem Stachel karikierenden Humors hineinsticht. Für deutsche und berlinische Augen besonders war das ein interessantes Experiment. Der freudige Beifall, der den witzigen Situationen und den von Barlog wunderbar gezirkelten Typen galt, verirrte sich nicht ins Antiamerikanische. Er vermengte sich mit dem Applaus der vielen anwesenden Amerikaner selbst zur nachdenklichen Betrachtung darüber, wie gut es sein muß, sich offen die Meinung zu sagen. Die Agierenden – Alfred Schierke als der herzhaft grobe Gangster, Peter Mosbacher im Habitus des stillen Warners und Aufpassers, Franz Weber in der großartigen Studie eines rechtsvertrauten Rechtsverdrehers – hatten unter Barlogs vergnügten Regiespäßen immer menschliche Umrisse.

Man wünschte sich einen deutschen Autor, der mit soviel kritischem Spott die Dinge in Szene setzte, die unsere Jahre hier in Mitteleuropa so schwer belasten. K. W.