Der Tote lag auf dem Feldbett, darin er gestorben, vor dem Kamin eines kleinen Zimmers, das durch eine breite Öffnung mit einem großen Raum verbunden ist, den man für die Besucher frei gemacht hatte. Von dort konnten sie den Aufgebahrten betrachten. Gides Haut war wachsgelb, die Wangen stark eingefallen. Die Züge des Gesichts waren ausgeglichen und ruhig, wie während der Tage der Agonie, als er den Tod ohne Widerstand zu leisten hatte näher kommen lassen, den Tod, über den er in den letzten Jahren oft und immer gelassen gesprochen hatte. Gekleidet war er mit einer graugelben Flanelljacke, die er mit Vorliebe trug, einem weißen Hemd und einer schwarzen Krawatte. Die Hände waren über der Decke zusammengelegt, aber nicht gefaltet, wie dies für christliche Tote üblich ist. Kein Kruzifix, keine brennenden Kerzen. Zu seinen Füßen lag ein Rosenstrauß. In dem mit Menschen angefüllten Raum, wo ich mich bis zur Einsargung zu verschiedenen Malen aufhielt, hörte man meist nichts als das zarte Geräusch, das die Bleistifte der neben dem Bett sitzenden Künstler machten, die den Kopf des Toten zeichneten. Zuweilen vernahm man auch das Gelispel betender Männer und Frauen, die, weil sie wußten, daß der protestantisch getaufte Gide dem christlichen Glauben keinen Wahrheitsgehalt zuzubilligen vermochte, für den Geschiedenen mit besonderer Inbrunst beteten. Viele weinten still. Ein bekannter Dominikanerpater, der Gides Einfluß auf die Jugend heftig bekämpft hatte, trat ein, verbeugte sich tief vor dem Toten, sah ihn lange an und verneigte sich noch einmal, ehe er ging. Einmal sah ich zwei Nonnen, Lehrschwestern einer höheren Schule, auf den Knien beten, und neben ihnen stand der achtzigjährige Paul Léautaud, unter den Schriftstellern der erklärteste Feind der Kirche und aller vom Christentum inspirierten Kunst. Es waren zwei durch einen Abgrund getrennte Welten, die sich eins fühlten in der Verehrung für Gide. Auch das, was die Generationen scheidet, war hier aufgehoben. Zwischen Ministern, Diplomaten, hohen Beamten und den Greisen der „Académie Francaise“ sah man Offiziere, Soldaten und Studenten. Leute, die Gide nicht persönlich gekannt hatten, waren eigens aus der Provinz, aus Belgien und der Schweiz gekommen, wie es das aufgelegte Begister ausweist, in das die Erschienenen ihre Namen und oft auch ein paar Worte schrieben. Die Trauer, die auf den Gesichtern stand, erlaubt es anzunehmen, daß es nicht der Ruhm Gides war, der so viele Menschen an sein Totenbett zog, sondern die Dankbarkeit für sein Werk. Eine Dankbarkeit, die seltsame Aufschlüsse über die Tapferkeit der Menschen gibt, denn Gide, ebensosehr ein Säer wie ein Opfer jener Unrast (Inquiétude), die hinter seinem Werk steht, kann keinem Leser etwas geben, der eine zubereitete, fertige „Wahrheit“ zu finden hofft. „Ich will dir kein Führer sein“, das sagt Gide, „ich kann dich nur ermutigen, ohne Krücken zu gehen.“

Gide hatte gewünscht, zeremonienlos neben seiner 1938 gestorbenen Frau zu Cuverville in der Normandie begraben zu werden. Am Donnerstag, dem 22. Februar, wurde die Leiche zunächst zu einer kurzen Rast in das Schloß von Cuverville, den Schauplatz der „Engen Pforte“, gebracht, das heute dem Neffen Dominique Drouin gehört. Dann trugen die Gutspächter und Gides treuer Chauffeur Gilbert den Sarg auf den kleinen Friedhof des Dorfes, gefolgt von den nächsten Verwandten und Freunden und verfolgt von den Wagen der nicht eingeladenen Presse.

Der Neffe hatte es für gut befunden, den protestantischen Pfarrer von Le Havre kommen und vor dem Grabe ein Gebet sprechen zu lassen, ein Obergriff, der selbst Gides gläubig katholische Freunde schmerzlich berührt hat; denn das somit bewirkte kirchliche Gepräge der Beerdigung widersprach allem, was Gide gedacht, geschrieben und häufig gesagt hat.

Am nächsten Tag erhielt der dogmenfeste katholische Schriftsteller François Mauriac, der einmal in der Woche auf der ersten Seite des „Figaro“ für die Kirche streitet, mit der regulären Post ein Telegramm, dessen Inhalt in wenigen Stunden ganz Paris um so mehr zum Lachen brachte, als man Mauriac nachsagt, daß er nur aus Furcht vor der Hölle sein Leben in Züchten verbringe. Das Telegramm lautete: „Es gibt keine Hölle, du kannst dich verlustieren. Stop. Benachrichtige Claudel. – André Gide.“

Der Postminister hat deshalb darauf verzichtet, untersuchen zu lassen, ob dieses Telegramm wirklich aus dem Jenseits gekommen ist, weil es ja tatsächlich von Gide stammen könnte.