Die Nachricht, daß der frühere tschechoslowakische Außenminister Clementis aus Prag verschwunden und wahrscheinlich ins Ausland geflüchtet sei, tauchte am 4. Februar auf. Sofort zog die Presse westlich des Vorhangs den alten, enragierten, wenn auch nicht stets ganz Stalinfrommen Kommunisten ans Herz. Drei Wochen lang füllten seine Abweichungen von der kommunistischen Parteilinie die Spalten der Zeitungen, die alles taten, um einen – im westlichen Sinn – feinen Mann aus ihm zu machen, bis sie schließlich am 26. Februar erfuhren, daß ihr Schützling die ganze Zeit in einer Zelle der Prager Staatspolizei verbracht hatte. Wir hatten derlei vermutet. Am 15. Februar schrieb „Die Zeit“, „es wird ihm (Clementis) schlimm ergehen, wenn er noch in der Tschechoslowakei ist – und es ist nicht ganz ausgeschlossen, daß die Fluchtgerüchte eine Prager Intrige sind, um ihn zu vernichten.“

Seither sind Hunderte von Personen, hauptsächlich in der Slowakei, als „Mitglieder einer weitverzweigten Verschwörung“ verhaftet worden, darunter mehrere frühere Minister und kommunistische Parteisekretäre. Zusammen mit Clementis werden sie jetzt als „giftige Vipern“ und „verkommene Subjekte“ bezeichnet und des Titoismus, der Spionage und des Separatismus beschuldigt. Dem früheren Brünner Parteisekretär – Sling und seiner Geliebten, der slowakischen Parteisekretärin Svermova, wird sogar ein Mordplan gegen den Präsidenten und „Zusammenarbeit mit dem – Spionagenetz des Amerikaners Noel Field“ vorgeworfen. Das letztere deutet auf einen bevorstehenden Prozeß hin; denn auf Field, einen früheren Beamten des State Department, der in einer Senatsuntersuchung als Kommunist entlarvt worden, und 1949, gefolgt von Frau und Bruder, in Prag spurlos verschwunden war, hatten sich schon die Anklagen gegen Rajk in Budapest, gegen Kostov in Sofia und gegen eine Anzahl von SED-Funktionären in Berlin gestützt.

Angesichts der Genügsamkeit volksdemokratischer Sondergerichte in Bezug auf Beweise wird der Prager Staatsanwalt keine Schwierigkeiten haben, eine Anzahl von Todesurteilen durchzusetzen. Material, um seine Reden auszuschmücken, haben ihm die ausländischen Zeitungen mit ihren Sympathieerklärungen für Clementis zur Genüge geliefert. Die Volksmeinung hat er sowieso für sich, denn die ist östlich des Vorhangs immer begeistert, wenn kommunistische Bonzen verurteilt werden, ob sie nun linientreu waren oder nicht. H. A.