/ Von Paul Alverdes

München, Anfang März

Es setzte schon ein großes Gelächter ein, sobald nur Abend wird der Sanfte, Häuptling auf der noch unentdeckten Insel der Groß-Lulu, aufgemacht wie ein Kannibale von Adolf Oberländer, auf der Bühne der Münchner Kammerspiele sichtbar wurde. Eben noch hatten wir den gleichen Wilfried Seyfert als den „eingebildet Kranken“ in der von Axel von Ambesser dort besorgten Neuinszenierung der Moliereschen Komödie bewundert. Er hatte ihn freilich anders genommen als seine großen Vorgänger in dieser Rolle, Erich Ponto und Werner Krauß zum Beispiel, die ihn als griesgrämiges und tückisch-boshaftes Hutzelmännlein vorzustellen pflegten. Statt seiner rollte ein wohlgenährtes, grundgutes Dickerchen in seinen Fahrpolstern über den Estrich, das Von seinen hypochondrischen Albernheiten insgeheim nicht weniger amüsiert erschien als die Zuschauer. Auch sonst gab es allerhand fröhliche Augenweide. Das Vater-und-Sohnes-Paar der Herren Diafoirus hatten Rudolf Vogel und Ambesser selbst in einem Auftritt von unvergleichlich steinerner Komik wie aus einem Blatt von Daumier hervorstelzen lassen.

Aber als sich nun der Vorhang über dem zweiten Stück des Abends hob, „Häuptling Abendwind oder Das greuliche Festmahl“ von Nestroy, fanden wir uns aus der Puppenstube, in der uns Molière vorgespielt und auch vorgetanzt worden war, auf eine von leibhafti-

gen Menschenfressern besiedelte Insel weit fort davon im Stillen Ozean versetzt. Nestroy selber ist ihr eigentlicher Entdecker auch nicht gewesen. Er hatte nur ein französisches Libretto zu einer Musik von Offenbach auf seine Weise bearbeitet. In dieser Fassung war das Stück dann einige Male in Wien über die Bühne gegangen und hernach in Vergessenheit geraten. Axel von Ambesser, der es jetzt daraus hervorgezogen, ließ durch den einfallsreichen Karl von Feilitzsch eine neue Musik dazu schreiben, da die Offenbachsche Partitur die Schauspieler vor unlösbare Aufgaben stellte. Es ist eine amüsante Musik daraus geworden, die, das Rührselige und das Parodistische heiter miteinander vermischend, sich neben den ähnlich gearbeiteten Couplets von Burkart zu Charells Feuerwerk hören lassen kann.

Hören und sehen lassen vor allem können sich auch alle die Kannibalen, die Ambesser um das in der Tat greuliche Festmahl versammelt. Der sanfte Abendwind trägt zu seinem Mohrengesicht weiße Bartkoteletten wie der Kaiser Franz Josef, eine Pikeeweste über dem Wanst und schmaucht genießerisch aus einem Zigarrenspitzerl, und gut wienerisch ist auch die Mundart, in der er mit seinen Wilden plauscht. Sein Gastfreund Biberhahn der Heftige, Häuptling der bereits entdeckten Papatutu, mit einem kasperlbunt ausstaffierten Gefolge von Menschenfressern zu Besuch herübergekommen, bevorzugt die rauheren bajuwarischen Töne. Das erweckt fürs erste unbeschwerte Heiterkeit, wie auch die anderen Sitten und Gebräuche der rauhen Wilden, die uns mit der ganzen ausgelassenen Lust der Darsteller an einer Hauptviecherei überzeugend vorgeführt werden. Dazu gehört, daß die beiden Stammesfürsten sich vorzeiten insgeheim ihre Gemahlinnen wechselseitig weggefressen haben und sich nun anschicken, auch den wunderbarerweise und noch unbekannt auf die Insel zurückverschlagenen Sohn des heftigen Biberhahn, seines Zeichens Haarkünstler zu Wien, gemeinsam zu verspeisen. Dabei verschlingt Biberhahn in seiner Gier mit dem Voressen die mit einem Spielwerk ausgestattete Uhr seines Artur, die sich zu seinem Entsetzen alsbald mit lieblichen Weisen aus seinem Magen vernehmen läßt. Zum Glück ist aber der schöne Artur selber dennoch mit dem Leben davongekommen und gewinnt nun die Hand Atalas, der Tochter des sanften Abendwindes, und statt des Massakers, das unausweichlich bevorzustehen drohte, von einem herrlichen Aufwand an Zähnefletschen, Augenrollen und kriegerischem Gehüpfe angekündigt, findet eine Mordsgaudi und ein Hauptspaß, wie gesagt, aber es fragt sich doch, ob man auf eine Würzung mit schärferer zeitgenössischer Satire nicht zu seinem Schaden verzichtet hatte. Sein Wiederbeleber Ambesser verneint es ausdrücklich. Er wollte, wie er sagt, Nestroys zeitloser und heute wie einst gleich aktueller satirischer Kraft durch solche Hinzufügungen ihre so erstaunlich lebendige Wirkung nicht genommen haben. Aber von der hintergründigen Einfältigkeit mancher Bemerkungen Abendwinds abgesehen, die er mit Kasperlschläue an den Mann brachte, war von dieser satirischen Kraft nicht sonderlich viel zu spüren. Es lief auf einen herrlich bunten und mit aller Ausgelassenheit des unbeschwert mit sich selber spaßenden Theaters ausgestatteten und vorgeführten Jokus hinaus. Das ist auch etwas und des Dankes wert wie jedes gute Theater. Ob es genug ist, um gerade von diesem Nestroy eine wesentliche Bereicherung unserer Spielpläne zu erhoffen, das wollte manchem unter den „greulichen“ Späßen allmählich doch ermattenden Zuschauer zweifelhaft erscheinen.