wenn einer einen Todfeind hat, so sollte er diesem einen Posten verschaffen, einen einzigen Posten, und er hätte seinen Rachegefühlen Genüge getan. Es handelt sich um den Intendanten-Posten des Senders Hamburg. Gewiß, es gibt Leute, die sich danach drängen. Sie sollten es nicht; sie wissen nicht, was sie tun sie wissen nicht, wie groß die Gefahr ist, daß ihre Nerven hier, im Hause der großen Intrigen, zermahlen werden. „Sie sollen“, so fragte ich einen Mann, der nicht Intendant, sondern Abteilungsleiter des Senders ist, „mehrere Tage in einem verdunkelten Zimmer auf einer Couch gelegen und still vor sich hingeweint haben...“ Er dementierte es nicht, sondern erwiderte: „Na, und?“ Dieser Mann ist nach dem Urteil aller seiner Mitarbeiter einer der fähigsten Funkfachleute, die es in Deutschland gibt, und einer der menschlich anständigsten dazu. Wenn aber solche Nerven-Zusammenbrüche einem Abteilungsleiter geschehen – in welcher Gefahr schwebt dann erst der Intendant!

Der Leser wird vermuten, daß hier einer schreibt, der gut informiert ist. Er wird verzeihen, wenn hier zunächst eine Ansicht formuliert wird? die Ansicht nämlich, daß der Rundfunk in erster Linie für den Hörer da sei und nicht für Intriganten. Das Eigentümliche mag dabei sein, daß der Rundfunk tatsächlich noch sendet, von morgens bis abends und spät in die Nacht hinein. Viele Hörer meinen allerdings, das Programm sei auch danach. Hier aber möge die Ansicht geäußert werden, daß jeder Hörer, ob er nun die klassische Symphonie oder die „Mondnacht auf der Alster“ liebt, für seine zwei Mark Radiogebühren durchaus auf seine Kosten kommt! Es findet sich in jedem Wochenprogramm mindestens eine ausgezeichnete Sendung – und dies für jeden Geschmack – so daß die zwanzig Groschen, die der Postbote kassiert, noch lange aufgewogen werden. Eine selbstverständliche Ansicht, nicht wahr? Und doch muß man sie betonen, weil das Wort: „Dies oder jenes kann der Hörer für sein Geld verlangen!“ ein Hauptargument jedes Rundfunk-Intriganten ist. Dieses Argument, geschickt angewendet, hält jeden noch so begabten und fleißigen Abteilungsleiter in Schach. Mit diesem Argument, raffiniert angewendet, schafft man Intendanten an und schafft sie auch wieder ab. Das Programm des NWDR ist dennoch weit besser als die Rundfunk-Intriganten sagen; es würde freilich besser sein, gäbe es die Intrigen nicht. Dann hätten nämlich der Intendant und seine Abteilungsleiter mehr Gelegenheit, sich ausschließlich ihres Programms anzunehmen. Die Lehrer beispielsweise sagen, der Schulfunk, des Hamburger Senders sei gut und anregend. Um wieviel besser könnte er möglicherweise werden, kümmerte sich dessen Leiter einzig und allein um seine Sendungen!

Es muß nun von dem „Verwaltungsrat“ gesprochen werden, der offenbar mehr dazu geschaffen ist, zu hemmen als zu fördern. Es ist ein Gremium, dessen sieben Mitglieder verschieden lange „Amtszeiten“ haben. Professor Raskop ging, und Professor Dovifat wurde Vorsitzender; das heißt: hier ist das „Bäumchenwechsle dich Spiel“ das ~~~~~ in Rundfunk gespielt wird, sozusagen automatisch. Berufen ist der „Verwaltungsrat“ durch einen „Hauptausschuß“, in dem Vertreter der staatlichen, kirchlichen und politischen Organisationen sitzen. Die Frage ist aber, welche Machtvollkommenheiten der „Verwaltungsrat“ besitzt, Ja, dies ist wirklich eine Frage und ist eine – witzige Geschichte, Wie man weiß, war es die britische Besatzungsbehörde, die zunächst den Nord westdeutschen Rundfunk aufbaute. Und man muß den Engländern eines lassen: sie brauchten nur einen kleinen Stab dazu. Schließlich gaben sie den von ihnen aufgebauten Apparat in die Hände der Deutschen, aber sie gaben auch Ratschläge und letzte Anordnungen. So steht im englischen Text über die Befugnisse des „Verwaltungssrats“ das Wort advises. Und nun die Schriftgelehrten! Sie gingen hin und übersetzten es nicht mit „Empfehlungen“ oder „Ratschläge“, sondern mit „Weisungen“, und sie handelten entsprechend: sie begannen, zu weisen, zu verfügen. Natürlich brauchten sie dazu einen Mann, der die Weisungen entgegennimmt. Und sie fanden ihn im Generaldirektor Dr. Grimme, der, einst ein verdienstvoller Minister, heute als Chef des gesamten NWDR mit einem Stab von mehr als hunden Mitgliedern und einem Etat von drei Millionen D-Mark speziell für die Abteilung „Generaldirektion“ bemüht sein muß, die „Weisungen“ entgegenzunehmen. Infolgedessen tritt der Generaldirektor so und so oft nicht als Gegenpartner des „Verwaltungsrates“ auf, son-Was als sozusagen dessen „verlängerter Arm“. Was soll er nun machen? Seinen verdienten Mitarbeitern die Treue halten? Oder beim „Bäumchen-wechsete-dich-Spiel“ immer neue Positionsmöglichkeiten verworrene Mit einem mutig gesuchen? Wort verworrene Situationen zu klären suchen? Oder sich gar um ein möglichst Ende kommenes Programm bemühen? Soll er am Ende nur repräsentieren? Und welche Seite seines vielfältigen Wesens soll er dem Volk seiner Hörer zukehren: das Gesicht des Sozialisten oder des Christen, des Volksmannes oder des Intellektuellen oder sogar das ganze typisch schillernde Wesen eines Mannes, der es widersprechenden Geistern bei der Wahl leicht machte, sich auf ihn zu einigen? Er ist der Mann, für den alle Schmiede unter den Radiohörern täglich beim Ambosschlagen beten sollten: „Grimme, werde hart!“ Solange aber der einstige Widerstandskämpfer Grimme nicht den Mut hat, den Gelehrten Grimme dazu zu bringen, das Wort „advises“ richtig zu übersetzen, solange wird sein Amt des Rundfunk-Generaldirektors ein Posten sein, den man nicht einmal seinem schlimmsten Feinde wünschen möchte.

Genug der Ansichten und Andeutungen – wir wollen Beispiele lesen! – Gut also, da ist das Exempel der Orgel als einer moralischen Anstalt ... Wahrhaftig, es ist eine Geschichte zum Lachen! Es gab also im Verwaltungsrat des Nordwestdeutschen Rundfunks den bekannten Professor Raskop. Der erhob, als eine Orgel im Hamburger Sendehaus erbaut werden sollte, seine Stimme und verlangte, es müsse eine mechanische, keine elektrische Orgel werden, und er sprach von kultischen Gründen. Das war, als das Hamburger Haus gerade einen neuen Intendanten bekommen hatte, der – Willi Tröster mit Namen – sich in Berlin als politischer Kommentator sehr bewährt und mit seiner ruhigen, objektiven, humorigen Sachlichkeit viel Vertrauen im Berliner Sender – verdientes Vertrauen! – erworben hatte. Es liegen freilich Gründe zu der Vermutung vor daß er vom Orgelbau nichts verstand. Sonst hätte er wohl sofort gewußt, daß die Frage „elektrisch“ oder „mechanisch“ mit Kultischem nichts zu tun hat: es handelt sich einfach darum, ob, wenn der Organist die Taste drückt, ein elektrischer Strom oder, ein mechanischer Zug die Pfeife öffnet. Dies ist nun eine von den Sachen, die vorzüglich geeignet sind, viel Hin- und Hergerede anzukurbeln, am besten nach folgendem Schema: ,Erlauben Sie, Bach hat keine Elektrizität gekannt!‘ – ‚Aber entschuldigen Sie, wie würde er sich gefreut haben, wenn ...‘ Daß die Orgelbauer inzwischen feststellten bei dem geplanten Größenmaß des Baues sei es praktisch, ein ,elektrisches‘ Instrument, und äußerst unpraktisch, ein .mechanisches’ zu bauen, dieser Gesichtspunkt konnte nicht die Debatte stoppen. Wie sollte er auch! Hat man im „Verwaltungsrat“ einen solchen „Punkt“, dann hat man einen Grund mehr, sich zu versammeln, Reden zu halten, Spesen auszugeben, mündliche ,Stellungnahmen‘ in schriftliche Dokumente verwandeln zu lassen und dergleichen mehr.

Willi Tröster weigerte sich, eine andere als eine ,elektrische‘ Orgel zu bauen; das war vernünftig. Aber sein Verhalten war auch unvernünftig, denn nun hatte er Raskop und seine Freunde gegen sich. Mit der Orgel als einer moralischen Anstalt fing es vor Jahren an, und es endete damit, daß Tröster, aus einem Aufenthalt im Sanatorium, heimgekehrt, unlängst in der „Welt“ die Nachricht las, er, Tröster, werde nicht mehr, Intendant sein, sondern Erich Lüth, Senatsdirektor zu Hamburg, werde dies vermutlich werden. Nichts gegen den einen, nichts gegen den anderen! Aber wenn man sagen muß: ,Armer Tröster!‘, so darf man wohl auch sagen: Ärmster Lüth!‘ – Wie aber jeder gute Witz eine Pointe hat, so auch die Geschichte von der geplanten Orgel: Während Raskop für die ‚mechanische‘ Orgel in Hamburg stimmte, wurde im Sendehaus zu Köln eine ‚elektrische‘ Orgel gebaut, was durchaus für die Vernunft der Kölner, nicht aber für die gute Absicht Raskops spricht. Denn Raskop war der Mann, der wünschte, es sollte der Nordwestdeutsche Rundfunk als Gesamtorganisation zerschlagen, es sollte auf jeden Fall der Sender Köln abgetrennt werden und einen eigenen Sendebereich erhalten: alle Westdeutschen hätten das verlangt, und Westdeutscher ist auch Raskop. Der Bau der Hamburger Orgel aber, die – „elektrisch“ – bewilligt ist, ist bis heute noch nicht begonnen worden...

Einmal mußten sich Grimme, der Generaldirektor, und Tröster, der Intendant, allen Ernstes um die im „Verwaltungsrat“ aufgeworfene Frage bemühen, ob nicht einige, von den – Putzfrauen im Hamburger Sendehaus zu entlassen seien. Antwort nach langen Erhebungen: Nein, denn jede einzelne müßte ohnehin mehr Arbeit leisten als ihre Kolleginnen, die bei der staatlichen Behörde beschäftigt sind. Lächerliche Sorgen also. Doch dieser Sorgen sind viele... Und welche Situation, wenn nun noch die Sorgen aller politischen Parteien, aller Organisationen, Konfessionen, Berufsstände hinzukommen, die sämtlich ihre Wünsche möglichst autoritär vortragen, und die sämtlich den Rundfunk, dieses technisch wunderbare Instrument, liebend gern in ihre Hand bekommen möchten, und sei es nur auf Stunden! Und alle, alle fragen sie drohend: „Ist nicht der Rundfunk eine Institution des öffentlichen Rechts?“, worunter jeder Interessent etwas anderes versteht! Dabei wünscht harmlos der Hörer das seine; Musik, Kunst des Wortes, Wissen, objektive Information. Und während die Hauptverantwortlichen des Rundfunks beschäftigt sind, immer wieder den Sand aus der Maschine zu entfernen, gibt es – ob Wunder! – in jeder Programmabteilung Fachleute, die zwar vorsichtig, aber dennoch reinen Gemüts einhergehen und die nur einen Wunsch haben: ein möglichst gutes Programm zu machen (wobei derjenige wohl am meisten Glück entfaltet, der den spätesten Nachttermin hat) und die froh sind, wenn sie mehr Gelegenheit haben, was zu leisten!

Es gibt, wie bereits angedeutet wurde, Bestrebungen, den Hamburger und den Kölner Sender zu trennen. Es scheint, daß sowohl der Bundeskanzler als auch der Ministerpräsident Arnold dies wünschen. Gewiß ist, daß die teure Generaldirektion dann überflüssig würde. Wahrscheinlich ist, daß die dann entstehende Konkurrenz zwischen dem Hamburger und dem Kölner Rundfunk dem Programm beider Sender und damit den Hörern zugute käme. Vermutlich würden die Intendanten beider Häuser mehr Vollmachten erhalten können, und sowohl für Tröster in Hamburg – bliebe er in seinem Amt – als auch für Herrmann in Köln träfe zu, daß sie dann erst wirklich zeigen könnten, was sie können. (Tröster, obwohl in Berlin noch erprobter Kommentator und ein Nachrichtenchef hohen Grades, ist, seitdem er nach Hamburg kam. noch kein einziges Mal vorm Mikrophon gewesen.) Sicher ist allerdings auch, daß bei einer Trennung beider Sender auch eine Organisation zerschlagen würde, die – richtig geführt – im Äther eine schöne und fruchtbare Einheit der nordwestdeutschen Länder darstellen könnte. Und wer weiß, wieviel schöne Pläne, etwa die Entwicklung des Fernsehens, dann behindert würden! Hamburg, heute in einer Ecke des Bundesgebietes gelegen, würde noch mehr isoliert, und das bereits jetzt übergroße Gewicht Nordrhein-Westfalens würde weiter verstärkt werden.

„Das Geld, das liebe Geld!“ hört man im Rundfunk – auch im Rundfunk – flüstern. Und um es flüsternd weiterzusagen: Es gibt in der Dienstmappe eines Abteilungsleiters eine interne Weisung, in der es heißt, zwecks Geldersparnis sollten auf der Ultrakurzwelle Wiederholungen von Hörspielen nicht mehr bezahlt werden; sollte sich der Autor zur Wehr setzen, so solle man ihm das ihm zustehende Geld dann geben, aber ihn nicht wieder im Rundfunk beschäftigen ... Wer hat das beschlossen? Etwa nicht der „Verwaltungsrat“? Und da wir gerade beim Flüstern sind, noch eins: Was würde der Hörer sagen, wenn er erführe, daß von den zwei Mark, die er für den Rundfunk monatlich ausgibt, nur rund fünfzig Pfennig fürs Programm und für den dazu nötigen technischen Betrieb, kurz für ihn selbst, den Hörer, ausgegeben werden? „Wo fließt das übrige Geld denn hin?“ „Fünfzig Pfennig gehen an die Post.“ – „Und weiter?“ – Achselzucken und daher Trost bei dem (jedanken: Die Geldverwendung kann so unbillig nicht sein. Handelt es sich doch um ein „Institut des öffentlichen Rechts“!