Zu der Frage, wie es eigentlich heute den Juden in der Sowjetunion und in den osteuropäischen Ländern ergeht, ist vor kurzem von zwei verschiedenen jüdischen Komitees Stellung genommen worden, die unabhängig von einander ihre Nachforschungen angestellt haben. Während das „Amerikanische Jüdische Komitee“ sich in erster Linie mit dem Schicksal der orthodoxen Juden in der Sowjetunion befaßt, hat das „Jüdische Gewerkschaftskomitee“ in den Vereinigten Staaten alle Angaben über die allgemeine Lage der Juden in Rußland und den Satellitenstaaten gesammelt und in einem Bericht zusammengefaßt, der der UNO-Kommission für Menschenrechte vorgelegt werden soll.

Als Moskau im Jahre 1926 die autonome jüdische Republik . Biro-Bidjan proklamierte, setzten die Juden in der Sowjetunion große Hoffnungen auf diesen ersten jüdischen Staat. Alle jene Erwartungen haben sich nicht erfüllt. Zwar besteht die autonome Republik dem Namen nach weiter, doch deutet nichts darauf hin, daß es sich um einen jüdischen Staat handelt.

Die Absichten der Moskauer Zentralregierung, das kulturelle Eigenleben der Juden so weit wie möglich auszuschalten, ist nahezu erreicht worden. Es gibt in der Sowjetunion keine behördlich zugelassenen jüdischen Schulen. Die jiddische Sprache ist durch das Verbot von jiddischen Zeitungen und die Liquidierung von jiddischen Schriftstellern zum Aussterben verdammt. Alle Maßnahmen Moskaus zielen darauf ab, die religiösen Juden unter Druck zu setzen, um sie zu veranlassen, ihren Glauben und ihre spezifisch jiddische Kultur aufzugeben.

Die wenigen, behördlich zugelassenen Synagogen stehen unter der Kontrolle der Regierung, die darüber wacht, daß nur „zuverlässige“ Rabbiner amtieren. Diese Geistlichen werden von den Gemeindemitgliedern als Agenten, zum mindestens als Informationsquellen der staatlichen Geheimpolizei betrachtet und dementsprechend gefürchtet. Das religiöse Leben der orthodoxen Juden kann sich daher nur in der Form einer Untergrundbewegung entwickeln. Sie haben sich unter der Führung von Rabbinern, die nach außen hin als Laienmitglieder der Gemeinde getarnt sind, zu kleinen Gruppen zusammengeschlossen.

Die Mitglieder dieser Gruppen, die sich besonders in Moskau und anderen großen Städten gebildet haben, versammeln sich heimlich bei immer wieder anderen Gleichgesinnten, um den in der Sowjetunion verbotenen Sabbat zu feiern, den Kindern Religionsunterricht zu erteilen, Beschneidungen vorzunehmen, Schächtungen durchzuführen und andere behördlich verbotenen rituellen Gebräuche auszuüben. Angehörige dieser Gruppen sind vielfach Mitglieder von handwerklichen Kooperativen, die sich mit Buchbinden, Handweberei und Stricken befassen, weil sie innerhalb dieser Genossenschaften ihre Arbeitszeit nach Belieben einteilen können und – am Sabbat nicht arbeiten brauchen.

Beide Bericht klagen darüber, daß der Antisemitismus trotz des in der Sowjetunion bestehenden gesetzlichen Verbotes, in der russischen Bevölkerung weit verbreitet sei. Das gleiche gilt auch für Rumänien, wo, wie es heißt, die Regierung gegen den ständig steigenden Antisemi-

tismus nichts unternimmt, ihm vielmehr dadurch Vorschub leistet, daß im vergangenen Jahr alle 68 000 jüdischen Mitglieder aus der Kommunistischen Partei ausgeschlossen wurden, nachdem vorher alle jüdischen Schulen und die Synagogen geschlossen und jüdische Zeitungen verboten worden waren. Die politische Einstellung gegen den Staat Israel, der als ein Satellit der Vereinigten Staaten und Großbritanniens betrachtet. wird, erfährt durch das Auswanderungsverbot nach Israel eine besondere Betonung.