In Paris ist stets ein Abbé bei der Hand, der bei den distinguierten Wohltätigkeitsdamen und den christlichen Literaturkonventikeln „en vogue“ ist. Vor einigen Jahren war es die weiße Dominikanersoutane des Paters Bruckberger, der den literaturbeflissenen Damen des Hauses Gallimard devote Seufzer entlockte. Sie kamen indes seinem Bischof zu Ohren, der den verdienstvollen Pater für eine Weile in die Wüste Sahara schickte. Sein Nachfolger wurde der Pfarrer von Saint-Germain l’Auxerrois, Monseigneur Ducaud-Bourget, ein recht streitbarer Herr. Er führt wohl die spitzeste Feder, die man seit Christengedenken bei einem Diener Gottes angetroffen hat.

Monseigneur Ducaud also hat vor kurzem Paul Claudel, den großen katholischen Dichter, der Ketzerei, des Hochmuts und der Unmoral beschuldigt. Claudel, rosig, würdevoll und diplomatisch langmütig, bewahrte Haltung. Die Wogen der aufgebrachten Boulevardpresse schienen sich wieder zu glätten. Bis François Mauriac, der legalste unter den katholischen Autoren, den Zeitpunkt gekommen glaubte, dem respektlosen Abbé eine Lehre zu erteilen.

„Wir sollten unseren großen alten Männern“, meinte er, „auch dann, wenn sie uns nicht genehm sind, und vor allein, wenn sie das Format eines Claudel besitzen, jede Achtung bewahren, die wir den vom Geiste Inspirierten nun einmal schuldig sind.“ Jedermann verstand, daß hier der Heilige Geist gemeint sei. Über Mauriac aber schien der Geist der Verwegenheit gekommen, denn er richtete an den Abbé Ducaud die Frage, ob er etwa ihn, François Mauriac, bisher mit seinen Blitzen verschont habe, weil er, der Abbé, nach einem Stuhl in der Akademie schielte und es deshalb nicht mit allen verderben wolle.

Es dauerte nicht lange, bis dieses Gift im Gehirn des Klerikers zu wirken begann. Mauriac erkannte zu spät, daß er sich in ein gefährliches Abenteuer eingelassen hatte.

„Sie haben, Mauriac“, so vernahm der Autor des ‚Lebens Jesu‘ und der ‚Leiden und Freuden eines Christen‘, „es für notwendig befunden, mir eine Lehre zu erteilen. Sie haben es gewagt, meine Haltung als ‚Sünde wider den Heiligen Geist‘ zu bezeichnen. Sünde ist es, die Kirche Gottes zu belügen, indem man sich als Christ ausgibt, während man im Grunde seines Herzens sein wohl weiß, daß man es nicht ist... Wie viele offizielle Christen begehen wohl diese Sünde wider den Heiligen Geist, indem sie weitgehend von ihrem Etikett profitieren, um die Seelen zu vergiften ...? Es genügt, Mauriac, als Katholik getauft und im Geiste der Kirche erzeigen worden zu sein, um instinktmäßig die kosmischen Sümpfe Claudels und auch die Ihren zu fliehen! Ich bedauere, daß Sie dies nicht begriffen haben. Hoffentlich wird Ihr Glaube, den schon das Dogma von Mariä Himmelfahrt ins Wanken brachte, nicht mitgezogen in den Sturz des Claudelismus. Welcher Verlust wäre das für die Religion!“

Mauriac, erklärte der Abbé, gehöre wie Claudel zu den falschen Frömmlern unserer Epoche. Seine Romane seien ungefähr das Letzte, das einen Ungläubigen zur Bekehrung bewegen könne. Seine „Lüstlinge“ seien die Verführung selbst, während seine Gläubigen stets als abstoßend häßlich beschrieben würden: „Und dabei keine ich“, fügte der Abbé bedeutsam hinzu, „sehr schöne Frauen, die ausgezeichnet die Tugend üben.“

Ein tugendsamer Kenner schöner Frauen hat den gleichen Anspruch auf Bewunderung, wie schöne Frauen, die die Tugend üben. Mauriac, der nach dem Urteil des Abbé von der Sünde besessen ist, hat vielleicht Grund, sich in der Übung der Tugend zu vervollkommnen. Freunde ritten ihm, den Beichtvater zu wechseln und in der Kirche von Saint-Germain l’Auxerrois jenen Seelenfrieden zu suchen, der ihm bisher versagt geblieben ist. Er könnte bei dieser Gelegenheit des Abbé Ducaud bereden, sein neuestes Werk: „Claudel und Cie“, das mit dem Claudelismus vor allem die Dynastie, der „großen alten Männer“ beseitigen will, wieder zurückzuziehen.

Im übrigen ist im Herzen des Monseigneurs die Flamme der Liebe nicht gänzlich erloschen. „Ich empfinde für Mauriac“, so ließ er verlauten, „immer noch gewisse Sympathien. Er war einer der Verzauberer meiner Jugend. Ich versichere, daß ich für diese arme, gequälte Seele beten will.“ G. St.