Der Umstürzler Robert M. Hutchins und die Universität Chikago

Von Marion Gräfin Dönhoff

In Chikago habe ich zum erstenmal in den aller Romantik abholden Vereinigten Staaten entdeckt, daß es doch so etwas wie einen Mythos gibt! In diesem Fall übrigens einen sehr lebendigen Mythos: den Präsidenten der Universität Robert M. Hutchins. Er ist als eine Art "wonderboy" schon mit 29 Jahren Präsident der Universität Chikago geworden, und nachdem er diese Rockefellersche Stiftung während der letzten 20 Jahre zu einer der ersten wissenschaftlichen Lehrstätten entwickelt hat, verläßt er jetzt Chikago, um die Verwaltung der 200 Millionen Dollar umfassenden Fordstiftung zu übernehmen.

Robert Hutchins hielt nun vor kurzem seine Abschiedsansprache an die Studenten in der Rockefeller-Chapel, die, obgleich sie mehr einer Kathedrale gleicht und wohl nur um des Understatements willen Kapelle genannt wird, auch nicht im entferntesten ausreichte, um die jungen Leute, die Hutchins noch einmal hören wollten, aufzunehmen; "Wie hast du es gemacht, eine Karte zu bekommen", hörte ich einen Studenten hinter mir fragen. "Ich habe sie von Tony eingehandelt, dafür muß ich ihm für eine Woche seinen Job abnehmen – Nachtschicht. Das ist kein Spaß." Ich dachte, daß es gewiß nicht häufig vorkommt, daß Studenten eine Woche Nachtschicht übernehmen, um ihren "boss" noch einmal sprechen zu hören. Aber schließlich ist Hutchins berühmt für seine großen, oft umstürzlerischen Reden. Er war es, der im Mai 1945 nicht vom Sieg sprach, sondern davon, daß jetzt erst die eigentliche Probezeit für die Ideale begänne, für die Amerika in den Krieg gezogen sei. Er war es, der sagte: "Laßt uns in der Stunde des Sieges eingedenk sein dessen, daß die Rache allein Gottes ist."

Dieser Hutchins also sollte an jenem Abend zum letzenmal zu den Studenten sprechen, für die er ein Symbol kühner und revolutionärer Opposition geworden ist; der Eckstein, der allen administrativen und pädagogischen Bürokraten zum Ärgernis wurde und ein Wunder an Witz und geistreicher Brillanz. So war die Spannung fast wie eine sichtbare Vibration wahrnehmbar, mit der mehr als 2000 Studenten und Studentinnen das Haupt der Universität auf die Kanzel steigen sahen, einen großgewachsenen, glänzend aussehenden und ernsten Mann – was einem in diesem Lande, in dem das Keep-smiling eine Pflicht aller offiziellen Persönlichkeiten ist, angenehm auffällt.

Ohne Fußball

Dem Außenstehenden wurde deutlich, daß dieser Mann, dessen kühnes Denken und Experimentieren stets alle Einwände der sogenannten Sachverständigen beiseite geschoben hatte, wie ein Wirbelsturm in das amerikanische Erziehungswesen eingebrochen war. Noch einmal zeichnete er in wenigen Strichen, was das Wesen dieser Universität ist, die in ständiger Opposition zu dem herrschenden Lehrsystem entwickelt wurde und deren Devise im Gegensatz zu der normalen amerikanischen Anschauung nicht Anpassung an die Umgebung lehrt, sondern Veränderung der Umgebung. Er verwahrte sich gegen die Auffassung, daß die meisten Amerikaner Erziehung und Bildung als eine Art Siegesallee zum sozialen und beruflichen Erfolg ansehen. Erziehung, sagte er, kann nur die Aufgabe haben, zu einem "trained mind" (einer Schulung des Denkens und Urteilens) zu verhelfen, und darum ist das wichtigste eine wirklich umfassende Allgemeinbildung, erst dann kann die Spezialausbildung beginnen. Dabei hat er merkwürdige eigenwillige Sprünge unternommen, so beispielsweise plötzlich und für lange Zeit den Geschichtsunterricht im College abgeschafft, weil Geschichte nur eine Sammlung von Daten sei, die dazu führe, alles zu relativieren!