W. W., Hannover, am letzten Messetag

Mit der Mustermesse vom 28. Februar bis 4. März hat das diesjährige Programm der Deutschen Industriemesse Hannover seinen erfolgversprechenden Start gefunden. Es gab. wieder einen Rekord: die Ausstellerzahl war auf 1582 gestiegen, und darunter befanden sich allein 361 ausländische Aussteller aus 21 verschiedenen Staaten. An ihrer Spitze standen Frankreich, Großbritannien, Belgien und Italien.

Das Gesamtbild dieser repräsentativen deutschen Mustermesse bot sich diesmal dem Beschauer noch geschlossen dar. Dazu trug nicht zuletzt der moderne Ausbau der Hallen (sie waren sogar geheizt) bei. Aber auch die Ausgestaltung des Messegeländes verdient volle Anerkennung. Es überraschte diesmal die 200 000 Besucher aus dem In- und Auslande mit einem weiteren großzügigen Ausbau. In den vollen Genuß dieser prächtigen Anlagen wird man aber erst zur Technischen Messe vom 29. April bis 8. Mai kommen, wenn sich Bäume und Sträucher im Grün zeigen.

Besonders sinnfällig war das vielseitige Angebot der deutschen Porzellanindustrie, bei der sich vor allem die Firma Rosenthal mit entdeckenden Exportmustern und dem Messeschlager „Das Service in der Handtasche“ auszeichnete. Sonst konnte man in den übrigen Branchen an ausgesprochenen „Messeschlagern“ – abgesehen von kleineren Neuheiten – kaum etwas finden. Sehr eindrucksvoll wirkte die Halle, die Schmuck, Silberwaren und Uhren beherbergte. Hier überraschten die Firmen aus Pforzheim, Idar-Oberstein, Schwäbisch Gmünd, Hanau und Geislingen mit einer Fülle von Neuheiten, von denen sie die Hoffnung haben, daß sie im Ausland und im Inland gefragt werden. Gerade diese Industriegruppe hat sich zu einem der treuesten Freunde Hannovers entwickelt, weil diese Messe ihr die Basis für die Zurückgewinnung der alten Exportbeziehungen schenkte. Sehr große Mühe gab sich ebenfalls die Stahl- und Schneidwarenindustrie. Hier war bereits eine verstärkte Verwendung von Kunststoffen festzustellen.

Erstmals sah man die Nahrungs- und Genußmittelindustrie mit einer großen Reihe führender Firmen. Auch da war man auf viele neue und gute Ideen einer modernen Absatzwerbung gekommen. So brachte eine Hamburger Schokoladenfabrik besondere Tafeln für Kinder heraus, die Bilder verschiedener Märchen enthalten. Den nachhaltigsten Eindruck aber hinterließ die Schau der Textilien, die allein 27,22 v. H. der Aussteller und 34,46 v. H. der Standfläche einnahmen und an der Spitze aller Branchen stehen. Hier waren selbst ausländische Aussteller – also nicht nur die Käufer – überrascht: von den hervorragenden Leistungen und den (noch), normalen Preisen! Unangenehm überrascht aber zeigten sich vor allem die britischen Textilaussteller – von der zeitweiligen Suspendierung der liberalisierten deutschen Einfuhr! Interessant war hier, daß die Phrix zum ersten Male einen umfassenden Einblick in ihr Produktionsprogramm vermittelte. Ihr „Schlager“ war Trumans Feriensporthemd, das aus der bekannten Phrixfaser hergestellt worden war.

Spielwaren waren weniger reichhaltig vertreten. Das ist ohne Zweifel eine Folge der Initiative der Nürnberger Spielwarenmesse. Aber auch bei der Lederindustrie mußte nun die Feststellung machen, daß sich die Offenbacher Fachmesse auswirkt, denn man suchte einige weltbekannte Offenbacher Häuser in Hannover vergeblich. Und da es ebenfalls führende Unternehmungen der Textilindustrie und der Gummiwarenindustrie vorzogen, der Mustermesse fernzubleiben, sollte man sich an zuständiger Stelle in Hannover doch sehr bald fragen, ob künftig eine Trennung der Mustermesse von der Technischen Messe noch vertretbar ist, vertretbar für die deutschen Aussteller und auch vertretbar für die ausländischen und inländischen Einkäufer!

Das Trachten Hannovers, sich zur „Zentralmesse“ zu entwickeln, ist verständlich. Aber man wird, bei aller Anerkennung der Leistungen der Lennestadt, Frankfurt und Köln den Rang nicht nehmen können (und wohl auch nicht wollen), Wir meinen, daß bei einer sehr strengen Auslese es im Hinblick auf das großzügige Hallen-Neubauprogramm ab 1952 doch möglich sein müßte., die Deutsche Industriemesse geschlossen durchzuführen. Man sollte sich, auch auf dem Messegebiet Westdeutschlands, über die künftige Entwicklung keinen Illusionen hingeben, Höchstwahrscheinlich wird schon das nächste Jahr eine weitere Steigerung der Fachmessen zeigen, während Hannovers Ruhm als führende deutsche Technische Messe aber ungeschmälert bleiben wird.