Vor drei Jahren kam Gide mit einer Herzerkrankung aus Syrien zurück. Sein Flugzeug hatte streckenweise, ohne daß für die Atmung der Passagiere vorgesorgt war, sich in Höhen halten müssen, denen das Herz des damals nahezu Neunundsiebzigjährigen nicht mehr gewachsen war. Seitdem kränkelte er mit mehr oder weniger schweren Anfällen, die zweimal das Schlimmste hatten befürchten lassen. Aber letzten Herbst erholte er sich so erstaunlich, daß er eine Reise mit dem Wagen über Spanien nach Afrika plante. Doch bei der Uraufführung der „Verliese des Vatikan“ am 13. Dezember 1950 erlitt er nach dem zweiten Akt eine Ohnmacht – die Folge der Strapaze, welche die Proben, denen er zum größten Teil beigewohnt hatte, für ihn gewesen waren. Er konnte allerdings nach der Vorstellung ohne Hilfe zu seinem Wagen gehen. Es ist heute seinen Freunden eine Genugtuung, daß Gide, dem das Theater sich Zeit seines Lebens versagt hatte, so kurz vor dem Tode noch den ungeheuren Erfolg dieser Dramatisierung seines Romans erleben durfte.

Sein Geist war um jene Zeit trotz seiner einundachtzig Jahre frisch und schlagfertig. Er las viel und sprach wie immer lebhaft über seine Lektüre, sah seine Freunde und Bekannte, scherzte gern und erzählte drollige Geschichten von Denise, der türkischen Bedienerin von Madame van Rysselberghe, seiner besten Freundin.

Bei meinem drittletzten Besuch am 11. Dezember 1950 unterhielt er sich vor einer Schüssel Datteln, denen er kräftig zusprach, bei Madame van Rysselberghe mit Jean Schlumberger und mir lange über Melville den er hoch schätzte, und über Marcel Aymés Novellenband „En Arriere“. Der letzte hatte ihn enttäuscht; er ließ nur zwei der darin enthaltenen Stücke gelten und begründete seine Kritik mit der wohlwollenden Vorsicht des Urteilens, die ihn immer ausgezeichnet hat.

Bei einem Besuch, den ich ihm am ersten Januar machte, sollte ich ihn das vorletzte Mal im Besitz seiner Kräfte sehen. Als ich bei ihm eintrat, saß er in dem engen Schlafzimmer, das ihm als Arbeitskabinett diente, bei einer miserablen Gasheizung an seinem kleinen Tisch vor einem Stapel großer, mit seiner Schrift bedeckter Blätter. Er schreibe alles auf, was und wie es ihm durch den Kopf gehe, erklärte er mir heiter und fragte mich, ob ich ihm zu der Reise nach Afrika, die er in der gleichen Woche antreten wollte und die bis ins kleinste vorbereitet war, rate oder nicht, er sei doch schon „reichlich alt für so weite Ausflüge“. Ich ermunterte ihn dazu, und dies schien er auch erwartet zu haben. Seine gute Stimmung ermutigte mich, mit einem Anliegen herauszurücken, das wie nichts geeignet war, Gide zu verdrießen, ein Anliegen, mit dem ich ihn aber in den zweiundzwanzig Jahren unserer Bekanntschaft niemals zugesetzt hatte: Ich trug eine Luxusausgabe seiner „Tentative amoureuse“ in der Tasche, die ich meinem Arzt zum Neujahrstag, von Gide bewidmet, schenken wollte. Gilde verabscheute es, Widmungen für Personen zu schreiben, die er nicht kannte oder mit denen er nicht korrespondierte. Er machte diesmal aber keine Anstände, ließ sich erklären, um wen es sich handele, und schrieb einige dem-Jahreswechsel Rechnung tragende freundliche Worte in das Buch.

Dies war aber nicht mein einziges Anliegen: Ich brauchte seinen Namen unter einer mir von einem Parlamentarier anvertrauten Petition heiklen, politischen Inhaltes. Mit der gewohnten Genauigkeit erkundigte er sich nach Einzelheiten dieser Angelegenheit, stellte scharfe Fragen, und als ich ihm das Dokument schließlich zur Unterzeichnung auf den Tisch legte, nahm er es an sich. Er wolle „diese Sache noch studieren“, Diese Gewissenhaftigkeit eines Achtzigjährigen vor der Hergabe seines Namens ist um so mehr erwähnenswert, als die Petition bereits die Unterschrift von zwei Ministern und anderen Persönlichkeiten trug, die ihm als Garanten für den ernsten Charakter der Petition hätten dienen können.

Als ich wenige Tage darauf wieder bei ihm war, ahnte ich nicht, daß ich ihn das letzte Mal auf den Beinen sah. Seine Wohnung befand sich in einem unangenehmen Durcheinander, überall hingen Drähte und standen Apparate zur Aufnahme von Filmen. Sein Neffe Dominique Drouin und der Filmregisseur Marc Allegret, dessen charmante Persönlichkeit ihm vor vierzig Jahren für die Figur des Lafcadio Modell gestanden hatte, waren dabei, ein Dokument von Gides Leben in der rue Vaneau, wo er die letzten dreißig Jahre wohnte, zu drehen. Auf den Wunsch dieser beiden hatte er die Reise nach Afrika verschoben.

Gide machte mir an dem Tag eine Überraschung. Ich hatte ihm einmal gesagt, daß in dem Militärhospital Val de Grâçe, neben dem ich wohne, einige Deutsche lägen, die als Legionäre in Indochina verwundet worden waren, und daß es ihnen an deutschem Lesestoff fehle. Er hatte sich dessen erinnert und mir ein großes Paket guter, deutscher Bücher für die Verwundeten zusammengestellt. Bei der kurzen Unterhaltung, die folgte, erwähnte ich das monumentale Werk „Europäische Literatur und Lateinisches Mittelalter“ seines Freundes Ernst Robert Curtius, dessen Lektüre ich am Tag zuvor begonnen hatte. Er habe es noch nicht gelesen und bedaure diesen Rückstand, sagte er mir, Curtius sei einer der besten Geister Europas, und er frage sich, ob die Deutschen wüßten, was sie an diesem Manne hätten. Das war die letzte Äußerung, die ich aus Gides Munde über einen Dritten hörte.