Von Joseph Breitbach

Bei der Nachricht vom Tode André Gides hat die „Zeit“ ihren Lesern versprochen, des Näheren das Bild dieser Persönlichkeit aufzuzeigen, das Bild eines Geistes, der auch in seiner Problematik europäisches Format besaß und dessen Wirkung fortdauern wird. In der vorigen Ausgabe hat die „Zeit“ das Werk Gides zu würdigen gesucht (Christian E. Lewalters Aufsatz „Das schwerste aller Gebote“); heute schildert unser Mitarbeiter, der in Paris lebende deutsche Autor Joseph Breitbach, der Andrä Gide nahestand, die letzten Tage des großen französischen Dichters.

Gides Freunde haben sich häufig über immer wieder kolportierte Geschichten wundern müssen, in denen Gides „Geiz“ bewitzelt wurde. Berühmt ist die so oft abgedruckte Anekdote: Gide hat einen Herrn in ein Restaurant eingeladen, läßt aber ein miserables billiges Essen kommen. Beim Hinausgehen sagt Gide: „Entschuldigen Sie, Sie müssen wissen, ich bin geizig“. – Wenn es sich nicht um Fälle von böswilliger Nachrede handelte, hätten diese Geschichten ihren Grund einzig in einer Mißdeutung von Gides Lebensstil.

Es war bekannt, daß Gide aus vermögendem Hause stammte, und an diese Tatsache knüpften manche, die ihn aufsuchten, Erwartungen, die jenen naiven Vorstellungen entsprachen, wie sie manche Leute sich von dem Leben der „Reichen“ machen. Die Enttäuschung begann oft schon beim Eintritt in Gides Wohnung, wo es keine Empfangszimmer gab, sondern nur kahl möblierte, Räume, die der Arbeit der Sekretäre und der Unterbringung der zahllosen Bücher und Korrespondenzen dienten. Gide selbst wohnte und schrieb am liebsten in seinem kleinen, winters nie genügend geheizten Schlafkabinett an einem niedrigen Tisch, der vor seinem Lager stand, einem schmalen Feldbett. An der Wand als einziger Schmuck die kunstlose Reproduktion einer von Breughels Winterlandschaften. Seine Bibliothek, einen sehr großen Raum, wo der Flügel stand, betrat er in den letzten Jahren, als er das Klavierspiel, in dem er ein Meister war, aufgegeben hatte, nur noch, wenn er ein Buch suchte.

Gide, der sich überall und nirgends zu Hause fühlte und den Begriff „Wohnkultur“ belächelt hätte, hat sich, abgesehen von der Anschaffung eines amerikanischen Reisewagens, nie mit Luxus und Komfort umgeben; und dies ist ebensooft als Zeichen von Geiz gedeutet worden wie die Frugalität seiner Mahlzeiten, von der er auch dann nicht abging, wenn er in die bescheidenen Restaurants, wo er zu essen pflegte, Gäste mitnahm.

Seine nahen Freunde wußten aber, daß Gide nicht nur keineswegs geizig, sondern sogar außergewöhnlich freigebig war. Denn immer wieder erfuhr man durch Zufall, daß Gide auf diesen und jenen Hilferuf, auch wenn er die Bittsteller nicht persönlich kannte, mit einer erheblichen Geldanweisung geantwortet hatte, zu schweigen von den zahlreichen Personen, meist Künstlern, die er regelmäßig unterstützte, und, wenn es notwendig war, wie manchmal bei papierlosen Flüchtlingen, beherbergte, bis er sie bei den Behörden aus ihrer schwierigen Situation gezogen hatte.

Aber wie hatte man ihm überhaupt eine geizige Natur zuschreiben können? Ließ doch gerade sein öffentliches Wirken auf einen großherzigen Charakter schließen. In wie wohlwollender Weise nahm er teil an dem Leben und dem Schaffen anderer auch noch im Alter! In einem Brief, den er mir am 27. September 1941 aus Crasse schickte, schrieb er mir, es sei die große Versuchung für ihn, seine beste Zeit mit Lektüre zu verlieren. Also die Beschäftigung mit anderen. Künstlerneid war ihm fremd. Wie freute er sich über die Entdeckung eines neuen Talentes, mit welcher Sympathie verfolgte und förderte er das Schaffen der Jungen! Gide ist es, der Charles Louis Philippe, Jules Romains, Valéry, Larbaud, Giraudoux, Malraux, Saint-Exupéry, Michaux, Dabit, Guilloux, Jef Last und wie viele noch dem Publikum vorgestellt hat. Für andere, aber nie für sich selbst, hat er sich seines Ruhms und seines so großen Gewichts vor der öffentlichen Meinung bedient. Wie überhaupt Güte, Geltenlassen und Geduld die auffälligsten Züge seines Charakters waren. Die Menschen waren ihm wirklich Mitmenschen; nur so ist seine Verbindung mit der kommunistischen Partei, die in einer so tiefen Enttäuschung endete, zu erklären. Wo er Unterdrückung und Ausbeutung sah, scheute er sich nicht, mit Protesten sein politisches Ansehen, das auf soviel Mißverständnissen beruhte, aufs Spiel zu setzen, wie nach seinen Reisen durch den Kongo und Rußland.