Erzählung von Josef Martin Bauer

Der bayerische Dichter Josef Martin Bauer, Verfasser phantasievoller Romane, Novellen und skurriler Kurzgeschichten, wird am 11. März SC Jahre alt.

Als sie das Firstholz gesetzt hatten und, jeder noch die schweißverklebten Haare in der Stirn, von ihrer Höhe aus die vierzig Meter in die Tiefe schauten zu den spukhaft kleinen Menschen, sagte Martin seelenruhig, wie wenn es um einen Vorschlag für den Feierabend ginge: „Jetzt werde ich dich da hinunterwerfen.“

„Das habe ich eben auch gedacht“, murmelte Simon, „aber es ist ja schließlich eine Kirche, die man nicht damit entweihen darf.“

Martin rückte noch ein wenig näher an Simon heran, bis sie beide Rücken an Rücken auf dem allerletzten Ende des Firstholzes saßen und an der ziegelroten Giebelmauer entlang auf das Pflaster hinunterblicken konnten. „Wenn ich dich von einem gewöhnlichen Haus hinunterwerfe, stehst du unten auf und gehst deiner Wege. Es muß schon eine Kirche sein, um dich, so auf den Rücken zu kriegen, daß du liegenbleibst.“ – „Du meinst – wegen Elisabeth?“ „Nein“, gab Martin zurück. „Ich meine: nur einer von uns beiden kann Meister werden. Elisabeth mag jung und gut gewachsen und die Tochter des toten Chefs sein. Aber es geht nicht darum, ob mit oder ohne Elisabeth. Es geht darum, wer Meister wird. Du jedenfalls nicht.“

Simon rückte seine Fähigkeiten ins rechte Licht: „Die ganzen Pläne für die Kirche habe ich fertig gezeichnet. Das kannst du nicht. Also kannst du nicht der Nachfolger des Alten werden.“

„In der praktischen Arbeit, im Abbinden, bin ich dir voraus. Du wirst doch nicht glauben, daß ich bei dir erster Geselle bleibe, daß ich zu dir ‚Meister’ sage, daß ich damit zufrieden bin. irgendwer in deinen Lohnlisten zu sein.“ Als wolle er das Maß einer solchen Dummheit demonstrieren, schlug Martin sich selbst klatschend auf die Stirn. „Du kannst mir sagen, was du willst, und kannst mir versprechen, was du willst – ich werde dich jetzt hinunterwerfen.“