Der Privat-Etat – Bedenkliches Exempel eines glücklichen Menschen

Von W. Fredericia

Als ich Herrn B. in Hamburg auf dem Jungfernstieg traf, fiel mir auf, wie sorgfältig er immer noch gekleidet war. Ich hatte ihn vor zwölf Jahren zum letztenmal gesehen. Damals stand er, ebenso elegant, vor einem Schaufenster der Tauenzienstraße in Berlin. Mir schien es, als sei er kaum älter geworden. „Hallo“, sagte ich, „daß man Sie hier sieht! Wie geht es Ihnen!“ – „Ich kann nicht klagen“, antwortete er, „und Ihnen?“

Wir gingen plaudernd den Ballindamm hinauf, dann noch ein Viertelstündchen weiter in Richtung Uhlenhorst. Dort bewohnt Herr B. mit seiner Frau und seinen beiden nun schon groß gewordenen Söhnen eine Neubauwohnung von drei Zimmern, nicht luxuriös, aber nett eingerichtet, gemütlich. Wir setzten uns hin, tranken Kaffee und Weinbrand und erzählten von den letzten zwölf Jahren.

„Hier fühle ich mich“, sagte ich schließlich, „sehr an Ihre Berliner Wohnung in der Achenbachstraße erinnert. Die war gerade so groß und auch so ähnlich eingerichtet, nicht wahr?“ – „Sie haben recht“, meinte er, „ich habe mich an mein damaliges Leben gehalten, ja ich möchte sagen: ich lebe genau so wie vor dem Krieg.“ Nach einer Pause setzte er hinzu: „Natürlich nur, was die materielle Seite des Daseins betrifft.“ Dies war der Anlaß, daß ich ihn ausfragte. Ich fragte so pedantisch, daß er begann, mir alles im einzelnen zu erklären. Ich schicke gleich voraus, daß es erstaunliche Mitteilungen waren, die Herr B. dabei machte, Mitteilungen, die mein Vertrauen in die offiziellen und offiziösen Ziffern über den Lebensstandard in Westdeutschland erschütterten.

Der gute Vorkriegs-Job

Vor dem Kriege hatte Herr B. in Berlin einen guten Job. Er war Angestellter einer westdeutschen Großfirma und verdiente 520 RM im Monat. Nach Abzug der Steuern blieben ihm, soviel er sich erinnern kann, ungefähr 480 RM. Aus einem alten Notizbuch der Gattin geht der Etat hervor, den Herr B. damals aufgestellt und der sich bis zum Kriegsbeginn kaum geändert hatte.