Bonn, im März

Die Formel „diplomatische Karriere“ wird nicht mehr gebraucht, sie ist durch „auswärtigen Dienst“ ersetzt. Auch den Attaché gibt es nicht mehr. Dafür beginnt das weibliche Element in die Beziike der „Dienststelle für auswärtige Angelegenheiten“ einzudringen. Im ersten Nachwuchsschnellkurs in Speyer saß zwar nur ein Mädchen. Diesmal sind es zwei zwischen 21 jungen Männern. Die Anforderungen sind hoch: Französisch und Englisch perfekt, dritte Fremdsprache, gründliche juristische und volkswirtschaftliche Kenntnisse. Und natürlich eine absolute Parkettsicherheit. Wenn der jetzige sechsmonatige Schnellkurs zu Ende ist, beginnt wieder die normale Ausbildung, daß heißt ein Lehrgang von zwei Jahren.

Das Novum in der Dienststelle für auswärtige Angelegenheiten, ein Personalreferat für Frauen, wird von Susanne Simonis verwaltet. Sie hat langjährige Auslandspraxis und gründliche Kenntnis des deutschen Gesandtschaftswesens. Sie hat – als ersten derartigen Posten – am Generalkonsulat in New York ein „Frauenreferat“ geschaffen, das bei der großen Bedeutung der Frauenorganisationen und -klubs in den USA eine wirkliche Notwendigkeit ist. Frau Hanna Kiep, die Witwe des nach dem 20. Juli hingerichteten New Yorker deutschen Generalkonsuls, die nicht nur das bittere Los der Verfolgten bis zu den furchtbaren Monaten im KZ Ravensbrück kennen gelernt, sondern dann, nach dem Verlust ihres einzigen Sohnes, den schwersten Daseinskampf der Nachkriegsjahre für sich und ihre beiden Töchter – sie ist vertraut mit dem Land, in dem sie jetzt arbeiten wird. Daß sie nebenbei eine wunderbar aussehende Frau ist, repräsentativ in einen, tieferen und beseelten Sinn, ist bestimmt kein Nachteil.

Die nächste Frau, die für die Bundesrepublik ins Ausland geht, Frau Else Klamroth, ist zunächst zur Gehilfin des Sozial- und Kulturreferenten in Kopenhagen bestimmt. Auch sie hat Gatten und Schwiegersohn im Zusammenhang mit dem 20. Juli verloren. Sie hat eine dänische Mutter, Sprache und Land sind ihr von Kind an vertraut, und die vielen Beziehungen, die sie in Dänemark hat, erleichtern ihr ihre Aufgabe. – Für das Generalkonsulat Luxemburg ist gleichfalls eine Frau als Sozialreferentin vorgesehen, die unmittelbar aus der Praxis kommt; das noch junge Fräulein Mathilde Karhausen. Ihr Vater war in der katholischen Sozialarbeit tätig, sie selbst hat lange Jahre als Landratssekretärin in Vechta gearbeitet, später dem Sozial- und Frauenausschuß der CDU angehört und das englische und französische Dolmetscherexamen gemacht Zeitweilige oder geplante Entsendungen von Frauen nach London, Paris und so weiter sind augenblicklich noch im Stande der Vorbereitung

Dem Sozialreferat der Dienststelle für auswärtige Angelegenheiten, das von Frau Dr. Lenz verwaltet wird, gehört Frau Pappritz, die Vertreterin des Chefs des Bonner Protokolls Dr. v. Herwarth, an. Frau Pappritz hat vor rund dreißig Jahren ihre Laufbahn im Vorzimmer eines Legationsrates im damaligen Auswärtigen Amt begonnen; ihre angeborene starke Begabung für das Zeremoniell wurde bald entdeckt und jetzt wieder eingesetzt für die komplizierten Wege der guten Formen, die das internationale Leben beträchtlich erleichtern – nur nicht denen, die, wie Frau Pappritz, dafür verantwortlich sind.

So wie es im Augenblick aussieht, hat die Bundesrepublik noch nicht die Absicht, dem Beispiel der USA, Indiens, Chiles und anderer Staaten zu folgen, die Frauen als Chefs ihrer Missionen ins Ausland senden. (Die Bresche schlug bekanntlich seinerzeit Sowjetrußland, das nach dem ersten Weltkrieg Alexandra Kollontay zur Gesandtin in Schweden machte.) Indessen, theoretisch besteht diese Möglichkeit durchaus, und praktisch spricht vieles für sie.

Martha Maria Gehrke