Von unserem Londoner Korrespondenten E. G. London,im März

Versteh’ einer die Engländer! In der vergangenenWoche haben sie, zum erstenmal seit 1938 und mit Ach und Krach, ein Länderspiel im Kricket gegen Australien gewonnen. War das eine Erleichterung! Es hätte nicht viel gefehlt, sie wären sich auf der Straße, in der U-Bahn, an der Bar gegenseitig um den Hals gefallen, die stocksteifen Engländer. Alle Niederlagen seit 1938 schienen wie ausgelöscht, darunter die vier vorangegangenen der gleichen Mannschaft, auf der gleichen Tournee durch Australien... Mehr noch, der eine Sieg im „test match“ nach Dutzenden von Niederlagen, gab gleich einen gewissen politischen Auftrieb..,: „Großartig, dieser Erfolg im Kricket! Er macht einem den neuen Krieg irgendwie unwahrscheinlicher, finde ich!“ Das hat sich kein Spaßvogel ausgedacht. Das ist echter, verbürgter Volksmund,

Der Spaßvogel erzählt etwas anderes: Kommt da vor einigen Tagen eine ältere; Dame an den „Empfang“ in einem der ehrwürdigsten Mayfair-Hotels in London. Nebenbei bemerkt, in diesem Hotel residierten während des Krieges eine Anzahl europäischer Könige in ihrem Exil. Einige thronen inzwischen wieder, andere, vom Balkan, wandern noch. Nun, diese Dame machte einen reiht mitgenommenen Eindruck, sprach jedoch sehr würdig „Ich möchte die Suite für Monarchen im Exil!“ Der Empfangschef sah die alte Dame zweifelnd an, die ihn? daraufhin ärgerlich anfuhr. „Erkennen Sie mich denn nicht? Ich bin Britannia, die Herrscherin der Wellen! Mein Szepter haben mir die Amerikaner, aus der Hand gerissen!“

Es ist keine Übertreibung, ohne den Kricket-Erfolg in diesen Tagen wäre der Flottenkrach zu einer nationalen Katastrophe geworden. Doch der Sieg in Melbourne machte den Verlust der Atlantik-Herrschaft an die Amerikaner „irgendwie weniger schmerzlich

In der Tat, man hätte das britische Souveränitätsopfer im Dienste gemeinsamer westlicher Verteidigung an keinem empfindlicheren Punkte fordern können. Gewiß, die Amerikaner haben die größere Flotte, haben sie damit aber auch die größere Erfahrung? Was nützen Riesen-Schlachtschiffe, wenn sie auf Sand laufen – und dort sitzen bleiben? fragen britische Seeoffiziere in Erinnerung an die vierzehn Tage, die das Schlachtschiff Missouri auf einer Sandbank zubrachte. Außerdem wird rundweg die Notwendigkeit eines strategischen Oberkommandos für den gesamten Atlantik, also eine großräumige Flottendisposition mit Vollmacht über den britisch befehligten Ost-Atlantik und den amerikanisch kommandierten West-Atlantik bezweifelt. Großadmiral Lord Chatfield beispielsweise fragt in der „Times“, ob man sich denn keine Gedanken darüber gemacht habe, daß der mögliche Gegner nicht über große Schlachtschiff- und Kreuzer-Geschwader, wohl aber über eine unangenehm große Zahl von U-Booten verfüge – die Aufgabe also U-Boot-Bekämpfung nach gemeinsam ausgearbeiteten Richtlinien, und nicht die Vorbereitung von Seeschlachten sei. Die großen Richtlinien aber würden nicht vom Flotten-Oberkommando, sondern in der nächst höheren Instanz allgemein alliierter Kriegsstrategie entschieden.

Die Wogen gehen also, trotz Kricket, in Flottenkreisen und in den Klubs der Politiker sehr hoch. Die Aufregung um den Schuman-Plan wirkt wie ein Kinderspiel neben Britannias Schmerz. Attlee aber versäumte es, diesem Schmerz Ausdruck zu verleihen und hat damit in den Augen der „unpolitischen“ Öffentlichkeit einen großen Schnitzer begangen.