Trotz des Mißtrauens, dem jede Institution begegnet, die sich im Ruhrgebiet um „deutschfranzösische Beziehungen“ bemüht, gelang es dem Dortmunder Auslands-Institut, zwischen Monsieur Raimond Schmittlein, dem Generaldirektor der Kulturabteilung des französischen Höhen Kommissariats, und den Kulturdezernenten und Oberstadtdirektoren von Nordrhein-Westfalen eine Ausspräche zu arrangieren. Sie entwickelte sich leider – dies sei voraus gesagt – zu einem espritvollen Monolog des französischen Gastes,

Ziel der Aussprache sollte der Austausch von Erfahrungen sein und die Intensivierung des deutsch-französischen Kulturlebens an der Ruhr. Während in Süddeutschland auf diesem Gebiete bereits manches getan wurde – so: 2685 Theatervorstellungen in französischer Sprache und 82 Ausstellungen bildender Kunst – beteiligt sich Norddeutschland lediglich an der regen Übersetzung moderner Franzosen. (129 Schauspiele und 711 Buchtitel von insgesamt 387 Autoren.) Raimond Schmittlein wollte eben sagen, daß gerade an der Ruhr die deutsch-französische Verständigung auch eine psychologische Realität werden müsse, die allen neu-nationalistischen Fehlspekulationen gewachsen sei, da erstickte der kommunale Terminkalender mit der Mittagspause jeden weiteren europäischen Gedanken-Austausch.

Wenn sich Monsieur Schmittlein innerlich gegen eine Flut von Wunschzetteln aus den Reihen der Kulturdezernenten dialektisch gewappnet hatte, so erwiesen sich Hoffnungen und Befürchtungen dieser Art als unbegründet. Konstruktiver Natur waren einzig die Vorschläge von Ministerialdirektor Koch aus dem Düsseldorfer Kultusministerium, der den französischen Sprachunterricht als Wahlfach für die Ruhrvolksschulen neben dem bereits laufenden englischen Unterricht zur Diskussion stellte. Nach diesen Ausführungen trat dann ein überraschender Stoffmangel ein, und das Gespräch konnte nur dadurch noch gerettet werden, daß der Dortmunder Dezernent Dr. I. Wenzel das Thema wechselte und die Frage einer generellen Reform des Geschichtsbildes anschnitt. So ersetzte die Unverbindlichkeit einer weltanschaulichen Auseinandersetzung wieder einmal reale kulturelle Aufbauarbeit. Immerhin ergab sich aus diesem Themen Wechsel die Möglichkeit, einige Bonmots von Raimond Schmittlein über das „Reich“ zu hören: Das mittelalterliche Reich sei die Föderation des christlichen Abendlandes gewesen, erst das 19. Jahrhundert habe in Deutschland diesen Gedanken patriotisch lokalisiert, gestützt auf die beiden Voraussetzungen des Nationalismus, ähnlich den „Mythos“ und den „Erbfeind“. Nichts stünde einer Verständigung störender im Wege als die Ressentiments, die hüben wie drüben nationalistische Historiker chauvinistischen Staatsmännern von einst in die Hände gearbeitet und die die Völker vergiftet hätten.

Hier schaltete sich der Leiter des Dortmunder Auslands-Instituts Dr. Albring ein. Er erbot sich, die Vorbereitungen zu einer Konferenz deutscher und französischer Geschichtslehrer zur Schaffung eines gemeinsamen Geschichtsbuches zu übernehmen. Ob daraus etwas wird, bleibt abzuwarten.

Jan D. Heem