Der Bundeshauptstadt fehlt ganz einfach der politische Kontakt mit dem Volk. Regierung und Parlament stoßen in weiten Kreisen der Bevölkerung auf tiefes, ressentimentbeladenes Mißtrauen. Welch unbegrenzt langmütiges Vertrauen hat doch das deutsche Volk den Zerstörern des Vaterlandes entgegengebracht! Von den Männern aber, die sich um seinen Wiederaufbau frühen, verlangt es ungeduldig in Monaten, was bei größter Anspannung in Jahren kaum erreichbar wäre. Jeder möchte Milch von der Melkkuh „Staat“, aber keiner will ihr Futter geben. Das wissen die Finanzämter am besten. Der Listenausgleich, von den Geschädigten unter revolutionären Drohungen gefordert, wird von den Zahlungspflichtigen bestenfalls in der Theorie bejaht, aber in der Praxis fast von jedem, ehe er noch zustande gekommen ist, für.sich oder seine Firma abgelehnt. Die Probleme werden schlagwortartig vereinfacht. Über der rethorischen Effekthascherei manchen Redners im Plenum wird die enervierende sachliche Arbeit in den Ausschüssen des Parlaments übersehen.

Doch liegt hier die Schuld nicht nur bei der Bevölkerung. Der politische Kontakt muß von beiden Seiten ausgehen. Man muß die Volksmeinung achten, wenn man sie gewinnen will. In anderen Staaten sind Regierung und Parlament wachsam um die stete Erforschung dieser Meinung bemüht. In Bonn setzte man sich gleich bei einer der ersten weithin sichtbaren Entscheidungen über sie hinweg: bei der Wahl des vorläufigen Bundessitzes. Das schuf Verärgerung und Mißtrauen, die noch wuchsen, als durch die Untersuchungen des „Spiegel“-Ausschusses gewisse Hintergründe jener Wahl beleuchtet wurden, woraus dann leichthin generalisierende Schlüsse gezogen wurden. Man wirft der Regierung vor, daß sie auf manchen Gebieten zu wenig, auf anderen zu viel Initiative entfalte. Da war die Frage der Mitbestimmung. Ihre Lösung wurde für die Montanindustrie von den Gewerkschaften mit brutaler Gewaltandrohung in ihrem Sinn erzwungen. Aber es hätte nicht so weit zu kommen brauchen, wenn man in Bonn rechtzeitig und entschieden genug dieses heiße Eisen angefaßt hätte. Der Margarinepreis ist ein anderes Beispiel solchen Zauderns. Gewiß ist die Sache nicht so einfach, wie sie Herr Loritz im Bundestag darzustellen versuchte, aber im Kompetenzstreit der Ministerien entstand, wie schon in manchem anderen Falle, auch hier vermeidbarer Zeitverlust. Das Volk hat dafür ein feines Empfinden. Auch dafür, ob sich ein Minister in der Nuancierung seines Opitimismus vergreift. An manche allzu zuversichtliche Voraussage im vergangenen Herbst über die Zuteilung von Hausbrandkohle erinnert sich der nun Frierende nur mit begreiflichem Unwillen. Das Zupacken der Regierung in der Wiederbewaffnungsfrage wurde ein zweiter Anlaß des Mißtrauens. Hier stößt ihre Initiative in weiten Kreisen auf energische, zum großen Teil gefühlsbetonte Ablehnung. Sie zu überwinden, bedürfte es eingehender, langer Aufklärung, und an der hat es bisher durchaus gefehlt. Robert Strobel