Eine Prognose für die Menschheit

Von Fritz Usinger

Die Rettung des Menschen ist es, was sich der Schweizer Jean Gebser in seinem auf zwei Bände berechneten Werke „Ursprung und Gegenwart“ (Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart, 1. Band, 541 S., Ganzleinen DM 18,50) vornimmt. Bis jetzt ist davon der erste Band erschienen, der den Untertitel trägt „Die Fundamente der aperspektivischen Welt. Beitrag zu einer Geschichte der Bewußtwerdung“. Die Frührenaissance hat die Perspektive entdeckt und mit ihr den Raum in seiner ganzen Bedeutung als weltbildgestaltende Vorstellung. Von dort an bis zum Beginn unseres Jahrhunderts dauerte (nach Gebser) das „perspektivische“ Zeitalter, das Zeitalter der räumlichen Entdeckungen, der Landschaft, des Ichs. Perspektivisch sehen heißt fixiert sehen, nur einen Sektor sehen, aber nicht die Ganzheit. Sie ist verlorengegangen und aus der perspektivischen Sehweise heraus nicht mehr zu gewinnen. Die Anthropozentrik herrscht und nicht mehr die Theozentrik, wie in der Zeit vorher, die Gebser darum die „unperspektivische“ nennt und die mit Leonardo ihr Ende gefunden hat. Den drei Dimensionen des Raumes fügt sich in unserer, der „aperspektivischen“ Epoche als vierte Dimension die der Zeit hinzu. Wir spüren sie nicht etwa als Fülle, sondern als Leere, die uns quält und uns die Vorstellung aufzwingt, die Zeit ausfüllen zu müssen. Die Menschen fliehen vor ihrer eigenen Zeitangst. Sie weiten die Zeit mit dem dazu ganz ungeeigneten Ortungsorgan, dem Auge, als „Augenblick“, aber sie kennen und erreichen niemals die Quintessenz der Zeit, die reine Gegenwart. Die Aufgaben der perspektivischen Zeit liegen hinter uns, die der aperspektivischen Zeit noch vor uns.

Worin bestehen nun diese Aufgaben? Der Weg in die „Aperspektivität“ darf nicht einfach ein Rückschritt in das Irrationale der unperspektivischen Welt werden: Eine neue, die „integrale“ Bewußtseinsebene muß den seelisch-geistigen Gesamtweg des Menschen evident und für unser Bewußtsein durchscheinend machen. Denn es gibt (nach Gebser) nicht eine Höchststufe der menschlichen Entwicklung, es gibt nur einen Wandel der Bewußtseinsstufen, in dem alle früheren Stufen nach-, wie alle kommenden Stufen vorwirkend sind. Dieser Wandel vollzieht sich in epochalen Mutationen, in Sprüngen, in morphologischen Revolutionen. Von diesen unterscheidet Jean Gebser fünf: die archaische, die magische, die mythische, die mentale und schließlich die letzte, in die wir einzurücken im Begriffe sind, die „integrale“, die er so benennt, weil sie alle früheren zu integrieren haben wird.

Der erste Band des Werkes befaßt sich mit der Erhellung der geschichtlichen Fundamente, auf denen die fünfte Stufe ruht, und zwar hauptsächlich mit der Erhellung der vorgeschichtlichen und frühgeschichtlichen Stufen. Den Zugang zu diesen uns fast völlig entrückten Bewußtseinsstufen schafft sich Jean Gebser durch das Mittel der Sprache, in einem Sichhinauftasten durch den Sinnwandel der Worte bis zu den letzten uns erreichbaren indogermanischen Wurzeln, indem er von der Maxime ausgeht, daß die Sprache immer mehr aussagt, als wir mit unserem ausschnitthaften Denken gemeinhin erfassen. So werden uns aus frühen Stufen der Sprache frühe Stufen des Bewußtseins offenbar.

Man erinnert sich: das Aufregende an dem Fall Spengler war nicht die Untergangsaussage, sondern der Versuch einer Anwendung der Morphologie auf die Geschichte. Es war der Vollzug eines großen Aktes der Einbildungskraft, welcher erstaunen machte. Diese Einbildungskraft beschränkte sich nicht darauf, in die Kräfteschicht hinter dem äußeren Geschichtsbild einzudringen, sondern auch in den nur erreichbaren Bereich der Früh- und der Vorgeschichte. Alfred Schuler dann, der Bachofens Tradition aufnahm, hatte die Ahnung, daß sich hinter der Fassade des Römertums noch ursprünglichere, primitivere, erdnähere Quellen verbergen als in dem schon früh geistdurchlichteten Griechentum. Der erste, der die Rätsel der magischen Welten wirklich durchsah, war Rudolf Kaßner in seinen großen Entwürfen einer universalen Physiognomik.

Diese Arbeit führt nun Jean Gebser weiter. Auch er hat jene Witterung für das seither völlig im Geheimnis Verschlossene, und es fallen ihm tiefe und weite Durchsichten in den Welten des Magischen und Mythischen zu, die man künftig nicht wird entbehren können.