Von Andreas Grüner

Sie sind längst vom hohen Kothurn herabgestiegen. Einst erhöhte Antigone, auf Ur-Pantoffeln schreitend, sich selbst, ihren Edelmut und den Ausdruck ihres Schmerzes. Wer wagte es, heute noch die Worte „Pantoffel“ und „schreiten“ gleichzusetzen? Die Pantoffeln sind in die Niederungen des Massenbedarfsartikels abgerutscht, wo sie den so ähnlich lautenden Kartoffeln begegnen, die auch einst Fürstenmahl gewesen sind.

Der Kreuzfahrer brachte einst, als Import aus dem durch seinen raffinierten Pantoffelkult ausgezeichneten Orient, zart Buntes und mit Edelsteinen Verziertes, das er, da es sich den eigenen großen Füßen nicht fügte, der Eheliebsten dedizierte. Und von da lief eine doppelte Entwicklungslinie bis in unsere Gegenwart. Der feminie Zierpantoffel begann seine Wanderung durch die Geschichte in den Harems des Morgenlandes, erreichte seine stolze Kulminationshöhe bei den Levers der Feldmarsch allinnen im Barock und übte seine holdeste Despotie im Rokoko, von wo sich denn auch füglich der Ausdruck „unterm Pantoffel stehen“ herleiten mag. Die fragilen Schaukelmädchen des Watteau wippen mit ihnen, und noch das unbekleidetste Mädchen des Boucher hat ihn unter dem Sofa stehen. Jeder Mann wird ihm gegenüber zum pantouflard, zum Pantoffelheld.

Doch ist dies schon Dekadenz, Entartung zu holder Spielerei, wie man denn auch keinem der graziösen Luxusgebilde, die heutzutage auf Glaskonsolen in teuren Geschäften herumstehen, die solide Zweckbestimmung des... Kälteschutzes zutraut. Die haben vielmehr jene grauen und braunen oder karierten biederen Gesellen im letzten Seitenschaufenster, denen man allein in ihrem Kindesalter noch eine gewisse Niedlichkeit zusprechen mag, die aber in den gängigen Männer- und Frauengrößen Solidität, bürgerliche Rechtschaffenheit und allerlei enge Untugend zu verkörpern scheinen. Der Vergleich des Geizhalses mit einem Filze eröffnet betrübliche Perspektiven auf solche Pantinen, die auch durch die veredelnde Bezeichnung „echt Kamelhaar“ nichts an wahrer Noblesse oder exotisch-erotischem Zauber gewinnen. Die rote Pommel oder die bunte Quaste daran sind dürftige Rudimente aus kunstfrohen Zeiten.

Wer barfüßig im Sande der Meeresbrandung zueilt oder im Strandkorb sitzt, mag des Pantoffels spotten – aber schon der, den sein Ferientrieb in Gletschernähe brachte, wird am Abend gern etwas Verknautschtes aus dem Rucksack ziehen, dessen er sich nur in der ersten Stunde vor seiner jungen Begleiterin schämt, nämlich eben solange, bis sie selbst sich der Bergschuhe entledigt und von unten her kaltzuwerden beginnt. Dann wird auch der smarteste Pflaster-, Asphalt- und Globetrotter durch die Überreichung seiner verblichenen, ja, abgelatschten Pantoffeln bei der mondänen Gefährtin innigere Zuneigung gewinnen als durch ein in dieser Höhenlage sinnlos gewordenes Brillantkollier. Durch solche Ritterdienste kehrt der Pantoffel zur stolzen Geschichte seiner minnesängerlichen Frühzeit zurück.