Noch vor Vandeveldes „Vollkommener Ehe“, 1930, erschien bei Eugen Diederichs in Jena, dem Verleger Kierkegaards und Maeterlincks, eine „Schule der Liebe“. Dafür, daß das kein unseriöses, frivoles oder laszives Machwerk sei, konnte der Ruf des Hauses bürgen. Und wirklich wurde das Buch von ernsthaften Geistern ernsthaft aufgenommen (Tucholsky in der „Weltbühne“ fand es sogar zu ernsthaft). Thomas Mann nannte die Verfasserin, die sich hinter der Chiffre „Diotima“ verbarg, eine „kundige und tapfere Sibylle“ und fand, es spreche „für die Epoche, daß sie die Frau zu solcher Sprache über das Sinnlich-Geistige, das Körperlich-Seelische hat erziehen können“.

Heute, 1951, ist das Thema nicht mehr „unaussprechlich“. Simone de Beauvoir hat es vor aller Öffentlichkeit behandelt, wenngleich mit geringerem Glauben an die Realisierbarkeit der vollkommenen Kommunikation zweier Liebenden. Aber Diotimas weitgefaßter Umriß einer Philosophie der Liebe hat auch jetzt weder an echter moralischer Aktualität noch an praktischer Förderlichkeit eingebüßt. Es ist viel existentielle Erfahrung darin aufgefangen und in einem ebenso aufrichtigen wie sensiblen Ton mitgeteilt. Eine Wiederauflage rechtfertigt sich um so mehr, als das haltlose Pendeln zwischen Prüderie und Libertinage auch in diesen Tagen die Urteilsbildung hemmt.

Ein deutscher Staatsanwalt (mit dem Amtssitz in Kleve) ist persönlich anderer Meinung. Offenbar hält er das Problem der erotischen Moral für gelöst, und zwar im Sinn der Prüderie. Das mag seine Ansicht bleiben. Aber er hat sie zum Standpunkt des Staates erhoben und sich als Funktionär zu einem Eingriff hinreißen lassen. Der Verlag Eugen Diederichs wollte arglos das Werk, dessen Schweizer Lizenz-Ausgabe (im Albert Müller Verlag, Zürich-Rüschlikon) sowieso in allen Buchhandlungen der Bundesrepublik zu haben ist, wieder in seine Verlags-Produktion aufnehmen und ließ es neu drucken. Leider in Kleve. Denn dort hat nun jener Staatsanwalt die ganze Auflage als „unzüchtiges Schrifttum“ beschlagnahmt.

Die Morallehre der katholischen Kirche hat eine ehrwürdige Tradition, und jeder, der auf anderem Boden steht, wird ihre Argumente sorglich zu bedenken haben. Aber gesetzliche Verbindlichkeit in der Bundesrepublik hat sie nicht. Hier muß es statthaft sein, einen Gegenentwurf zu begründen. Und ein Staatsanwalt soll nicht als weltlicher Arm der Moraltheologen fungieren.

„Das Mittelalter“, meinte Thomas Mann, als er das Buch 1930 las, „scheint nun wirklich zu Ende.“ In Kleve hat es sich wieder eingenistet. Zum Schaden des deutschen Devisenbestandes. Denn die Schweizer Ausgabe kann der Staatsanwalt nicht beschlagnahmen. C. E. L.