Vieles und Entscheidendes ist über süddeutsche barocke Architektur gesagt worden, und es ist wohl die Frage berechtigt, ob dem überhaupt noch etwas hinzuzufügen ist, sei es in der historischen Durchleuchtung der Zusammenhänge, sei es in der dichterischen Interpretation der Form- und Gefühlswerte. Nach der Lektüre von Fritz Alexander Kaufmann, des unvergleichlichen, 1945 tragisch verunglückten unvergleichlichen, nachgelassenem Buch „Kirchen und Klöster des oberschwäbischen Barock“ (Badischer Verlag, Freiburg i. B., 46 S., 32 Tafeln) muß man diese Frage unbedingt bejahen.

Aus der Zauberkraft einer geistig unvergleichlich reichen Landschaft treten vertraute Bauwerke und Künstler wieder in den Bereich des Bewußtseins: Weingarten, Zwiefalten, Schussenried, Ottobeuren, Baumeister wie Franz Beer, Michael und Christian Thumb, Johann Michael Fischer, Donata Guiseppe Frisoni und Dominikus Zimmermann, Meister des dekorativen Stucks wie Schmuzer und Feichtmayr und die unsterblichen Gewölbemaler Cosmas Damian Asam sowie Vater und Sohn Zick.

Mit alledem würde der Verfasser nichts Neues sagen, hätte er seinen Versuch einer Deutung oder – wie er sich auf dem Titel ausdrückt: einer „Gestaltung“ – nicht mit der Kraft des dichterischen Wortes unternommen. So liest sich dieses Buch förmlich wie eine Ode an die geniale Zeugungskraft dieses künstlerischen Zeitalters, und die berauschenden Raumsymphonien spiegeln sich in einem pastosen Sprachgemälde ohnegleichen. Gleich im ersten Kapitel über den Innenraum von Obermarchtal möchte man zitieren: „Es gibt nur eine wahre Antwort auf den ewigen Sturz der Dinge: den ewigen Aufschwung ... Das Lebendige hat recht und hier lebt alles. Vom Hier ins Dort ist nur ein Schritt. Fest auf steinernem Grund, an muskulöses Fleisch polierter Säule gelehnt, siehst du oben den vollen Leib der Kuppel schon von der stürzenden Architektur der Freskenhimmel gesprengt. Wo bleibt Sammlung? fragst du. Ach, hier ist zum Letzten gesammeltes Aufgebot aller menschlichen Kräfte.™

Freilich mag man einwerfen, daß manches an der Grenze liegt zwischen einfühlender, überlegener Dialektik und allzu gewaltsamer Eingriffe in das gültige Sprachgefüge. Man nehme es hin und lasse sich davon einfangen. Denn gemessen an der himmelstürmenden und raumsprengenden Architektur bleibt auch dem deutenden Wort das Recht, seine Kompetenzen zu überschreiten. Wie anders wollte man dem Rhythmus der Fassade von Weingarten beikommen oder der „kubischen Gewalt des Kirchenraumes von Zwiefalten“? Von hier aus erfolgt mit der gleichen Kraft sprachlicher Veranschaulichung der Vorstoß in allgemeine Gebiete barocker Sakralarchitektur: Raumprobleme, Bibliotheken, Klosterbauten – Inbegriffe einer Zeit, in der aus dem geistigen Spannungsfeld der Klosteratmosphäre noch einmal große Schöpfungen erwuchsen.

Diese mitreißende Dynamik des Textes steht vor dem Hintergrund eines auserlesenen Bildmaterials, dessen Wiedergabe auf seitenfüllenden Tafeln in Kupfertiefdruck beachtliche Gesamtaspekte und Ausschnitte vermittelt. Da dieses Buch mehr der Deutung als der Forschung dient, bilden die fototechnischen Experimente mit malerischen Effekten eine interessante Bereicherung, so etwa die nächtlichen Aufnahmen der reichen Stuckverzierungen in den Emporen von Obermarchtal. Sie legimitieren sich aus der malerischen Sicht, mit der der barocke Innenraum die letzte Erlebnisfähigkeit des Betrachters auslöst. Auch in dieser Richtung gibt Kauffmanns Buch neue Anregungen. Joachim Gerhardt