Wenn die Elektrische, auf die man gewartet hat, endlich kommt und natürlich überfüllt ist, scheint es einem doch ganz selbstverständlich, daß, wenn alle zusammenrücken, sich sicherlich noch ein Platz finden ließe. Hat man sich aber hineingezwängt, ist man bereits an der nächsten Haltestelle mit allen anderen Mitreisenden fest überzeugt, daß es nun wirklich nicht mehr geht und daß der nächste verzweifelt Wartende, der die gleichen Spekulationen anstellt, tatsächlich unvernünftig und rücksichtslos ist. So ist es nun einmal, je nachdem ob man von draußen nach drinnen oder von drinnen nach draußen schaut...

Wahrscheinlich ist gewöhnlich jeder mit seinem Aspekt ganz zufrieden, denn jeder meint ja im Recht zu sein, und peinlich wird es erst dann, wenn man gewissermaßen beide Aspekte gleichzeitig sieht. So nämlich geht es einem, wenn man, die deutschen Gesichtspunkte genau kennend, in Amerika die Reaktion auf die Landsberger Begnadigungen erlebt.

Was ist eigentlich geschehen? 21 Todesurteile sind aufgehoben und das Strafmaß der meisten anderen Urteile herabgesetzt worden, während sieben Todesurteile bestätigt wurden. Reaktion in Deutschland: es werden Plakate geklebt, in denen die Bevölkerung aufgefordert wird, Telegramme an Truman zu schicken. Zahllose Eingaben und Traktate zirkulieren von Hand zu Hand, in denen viel von Gnade und Gerechtigkeit die Rede ist, so als handele es sich um Martyrer, und überall ertönt der Ruf "Gebt uns Barabbas frei". Der Fall dieser sieben Todesurteile ist zu einer großen nationalen Angelegenheit geworden, denn es sind ja Deutsche, die von alliierten Gerichten verurteilt wurden; daß sie außerdem noch Verbrecher waren, scheint die Deutschen nicht zu interessieren. Soweit die ausländischen Zeitungen, deren Schlußfolgerung lautet: Wie können die Deutschen ihre Behauptung, sie seien damals alle gegen die Hitlerschen Verbrechen gewesen, aufrechterhalten, wenn sie sich heute, im Jahre 1951, schützend vor die Werkzeuge dieser Verbrechen stellen?

Wer sind denn eigentlich jene sieben zum Tode Verurteilten? Da ist zunächst Otto Ohlendorf, SS-Brigadeführer einen Eingreiftruppe, die nach seiner eigenen Aussage den Tod von 90.000 Menschen zu verantworten hat. Ferner Erich Naumann, Chef einer Einsatzgruppe, die im mittleren Frontabschnitt die Massenexekutionen von Juden und Zigeunern durchführte; allein im März 1942 fielen, seiner Gruppe über 3500 Menschen zum Opfer. Ein Jahr später wurde er Chef des SD und der Sicherheitspolizei in Holland. Ferner Paul Blobel, SS-Standartenführer und Kommandeur eines Sonderkommandos in Rußland. Er hat die Massenmorde bei Kiew befohlen und dann später, als er den Auftrag bekam, die Massengräber durch Sprengung und Verbrennung zu beseitigen, jüdische Arbeitseinheiten aus Auschwitz kommen lassen, die nach Erledigung dieser Sonderaufgabe erschossen wurden. Werner Braune, Chef der Gestapo in Wesermünde, Standartenführer und Kommandeur eines Einsatzkommandos, das nach eigener Aussage in Simferopol Tausende von Juden und Zigeunern einschließlich Frauen und Kinder umgebracht hat. Nähere Einzelheiten über die Methoden dieser Einsatzgruppen konnte man seinerzeit im Nürnberger Gerichtssaal erfahren, wo zum Teil von den Angeklagten selbst geschildert wurde, wie man zunächst mit Erschießungskommandos arbeitete. Die Opfer mußten in Gruppen am Rande der riesigen Massengräber niederknien und wenn sie, von den Salven getroffen, hineinsanken, trat die nächste Gruppe an. Als sich sehr bald, wie es hieß, "Gemütsstörungen" bei den Exekutionskommandos bemerkbar machten, erfand man dann die Gaswagen. Bei dem letzten Todesurteil aus den Nürnberger Prozessen handelt es sich um den SS-Obergruppenführer Oswald Pohl, den Chef des Amtes, dem die Verwaltung aller Konzentrationslager in Deutschland unterstand, und der selbst Gefangene für die medizinischen Versuche auswählte.

Außer diesen fünf Verurteilten, die der Jurisdiktion des amerikanischen Hohen Kommissars unterstehen, sind die Todesurteile von zwei Angeklagten aus den Dachauer Prozessen von General Handy, dem Oberkommandierenden der US-Streitkräfte bestätigt worden. Es handelt sich um Georg Schallermair, Chef des Rollkommandos von Mühldorf, einem Dachauer Nebenlager, in dem ungezählte Häftlinge mißhandelt wurden und starben. Fast täglich besuchte er mit einem gefangenen Zahnarzt das Leichenhaus, um den Toten die Goldzähne auszubrechen. Und schließlich Hans Schmidt, während drei Jahren Adjutant im Konzentrationslager Buchenwald, der nach Aussagen seines Chefs wegen seiner außerordentlichen Aktivität oft zurückgehalten werden mußte, und dem sämtliche Hinrichtungen im Kz. unterstanden.

Denkt man einmal zurück an die Stimmung im Jahre 1945, so besteht wohl nicht der leiseste Zweifel darüber, daß damals jeder einzelne Deutsche angesichts der ungeheuerlichen Taten dieser Menschen nicht eine Sekunde in seinem Urteil geschwankt hätte, ja, daß diese Massenmörder längst hingerichtet wären, wenn man sofort Standgerichte eingesetzt hätte, sofern sie nicht zuvor, wie dies in Italien geschah, der Lynchjustiz des Volkes zum Opfef gefallen wären. Was aber ist inzwischen geschehen? Woran liegt es, daß heute auch ruhige und gerecht denkende Leute eine gewisse Genugtuung verspüren, wenn es jemandem, der wegen Kriegsverbrechen angeklagt ist, gelingt, aus der Haft zu entfliehen? Die Antwort ausländischer Korrespondenten lautet gewöhnlich: Ganz klar, die Deutschen sind alle wilde Nationalisten. Anders vermag man sich dieses Phänomen nicht zu erklären. Vielleicht wird sich der Irrtum eines Tages aufklären - so wie die selbstverständlich Voraussetzung, die Deutschen seien noch immer ein Volk von Militaristen, sich als Irrtum herausgestellt hat. Denn die deutsche Jugend ist nicht nationalistisch. Was sie interessiert, sind nicht aufgewärmte Größen von gestern, wie Remer und Veit Harlan, oder geschäftige Demagogen von heute, wie Dorls und Feitenhansel. Wenn ihre Skepsis sich überhaupt für irgend etwas begeistern läßt, dann ist es die Idee eines geeinigten Europa.

Sinnesänderung zwischen 1945 und 1951

Woran aber liegt jene scheinbare Sinnesänderung zwischen 1945 und 1951, wenn sie nicht auf Nationalismus oder Massen-Renazifizierung zurückzuführen ist? Irgend etwas Entscheidendes muß doch inzwischen geschehen sein? Es ist in der Tat eine verhältnismäßig kurze Kettenfolge von Ursache und Wirkung, deren Ende wir heute verwundert betrachten und deren Anfang 1945 geschmiedet wurde. Damals, als die Sieger - von einigen als Eroberer, von vielen als Befreier angesehen - in Deutschland einzogen, glaubte jedermann, jetzt würden Gerichte eingesetzt, in denen neutrale Juristen diejenigen aburteilen würden, die laut Strafgesetzbuch persönlich Verbrechen begangen haben. Aber es kam anders. Die Sieger setzten Gerichte ein, in denen sie selbst Richter und Ankläger zugleich waren; sie proklamierten verbrecherische Kategorien, für die der automatische Arrest verfügt wurde; sie schufen neues Recht und verkündeten die These von der Kollektivschuld aller Deutschen. So fanden sich denn plötzlich die Opfer der Naziherrschaft und die Gegner des Systems mit ihren Schergen zusammen auf derselben Bank wieder.

Die Leute, die jeder Deutsche als die wichtigsten Funktionäre der Hitler-Herrschaft in Deutschland ansah, die Gauleiter, wurden von den Alliierten nicht angeklagt, weil sie sich nur an Deutschen versündigt hatten, was nicht als Verbrechen gegen die Menschlichkeit zählte; statt dessen wurden Leute, die in der öffentlichen Meinung bisher nie mit den übelsten Seiten des Systems identifiziert worden waren: Industrielle, Beamte und Generäle zu Hauptschuldigen gestempelt. Ein Mann wie der SS-Obergruppenführer von dem Bach-Zelewski, der vielen Deutschen als Verbrecher bekannt war, wurde deshalb nicht angeklagt, weil man ihn als Kronzeugen gegen Generäle verwandte, die von Tausenden deutscher Soldaten mit Recht oder Unrecht für schuldlos gehalten wurden. Dann kamen die deutschen Spruchkammern, die das Entnazifizierungsverfahren durchzuführen hatten und die weitere Verwirrung anrichteten. Helene Schwärzel, jenes BDM-Mädchen, das wahrscheinlich bona fide den als Hochverräter angeklagten Goerdeler angezeigt und den Preis, der auf seinen Kopf ausgesetzt war, mehr oder weniger harmlos eingesteckt hatte, wurde zunächst zu 15 Jahren Zuchthaus verurteilt - das gleiche Strafmaß erhielten in Nürnberg Führer aus den Einsatzgruppen, die der Mitverantwortung an Folterungen und Massenmorden überführt waren.

So wuchs mit der Rechtsverwirrung der Zweifel an dem unbekannten Rechtssystem. Und der Versuch, Schuldige und Unschuldige für gleichermaßen schuldig zu erklären, führte schließlich die öffentliche Meinung zu dem anderen Extrem, nämlich zu der Schlußfolgerung, daß eigentlich außer Hitler mehr oder weniger alle unschuldig gewesen wären und alliierte Rechtsurteile überhaupt nicht verbindlich seien.

Wir sind also bedauerlicherweise, dahingekommen, daß die Landsberger Fälle nicht mehr als Einzelfälle betrachtet werden, sondern als Symbole für die Rechtsprechung seit 1945. Eine Rechtsprechung, für die die "Berufszeugen" von Dachau, der Schanghai-Prozeß und das nach fünfjähriger Untersuchungshaft eröffnete Verfahren gegen Falkenhausen bezeichnend zu sein scheinen. Ein dumpfes Gefühl von Skepsis und Opposition hat sich der Deutschen bemächtigt. Hinzu kommen noch einige sachliche Argumente über die abgeschaffte Todesstrafe und die Unmenschlichkeit eines jahrelangen "Rotjackenzustandes".

Gewiß, mag die Reaktion "drinnen", also in Deutschland, begreiflich sein, aber die "draußen" ist es nicht minder. Es gibt Millionen Juden in Amerika, deren Brüder, Eltern und Kinder den Schergen der Hitlerschen Rassentheorie zum Opfer fielen. Das neue Deutschland aber hat offenbar nichts Wichtigeres zu tun, als darum zu bitten, daß man das Todesurteil an den Vollziehern jener Massenmorde nicht vollstrecke. - Und soviel Aufhebens hat man von dieser peinlichen Angelegenheit gemacht, daß einige Halunken es zweckdienlich fanden, im Schatten bischöflicher Bittschriften Drohbriefe an McCloy zu schreiben, der im Ausland wegen der Begnadigungen, im Inland wegen der Todesurteile scharf angegriffen wird. Der Korrespondent der New York Times schrieb sehr mit Recht, noch nie sei ein alliierter Beamter mit ehrlicherem Herzen und aufrichtigerer Hilfsbereitschaft nach Deutschland gekommen als McCloy, und man könne nur sagen, wenn die Deutschen ihren Freunden Drohbriefe schrieben, es einen nicht wundern könne, daß sie so wenig Freunde hätten. Dies ist eine Feststellung, über die man in der Tat nachdenken sollte.