Wir sind keine Preis-Boxer, die sich im Ring vor dem Kampf die Hände schütteln!“ Mit diesen Worten lehnte der amerikanische Botschafter John C. Wiley die Aufforderung eines Photoreporters ab, er möge mit seinem sowjetischen Gegenspieler, dem Botschafter Alexander Panjuschkin, vor der Kamera einen Händedruck austauschen. Mit diesen Worten wurde nach mehr als zweijähriger Pause die erste Verhandlung über die Pacht- und Leihverträge aus der Kriegszeit in den Räumen des State Department eingeleitet.

Die Vereinigten Staaten haben in und nach dem zweiten Weltkrieg mit ihren Verbündeten „Padu-Leih-Verträge“ in Höhe von 50,2 Milliarden Dollar abgeschlossen. In dem für alle Empfänger gültigen Hauptabkommen wurde festgelegt, daß die Frage der Bezahlung von Materialien, die während des Krieges nicht „verbraucht“ würden und nach dem Kriege in der zivilen Wirtschaft Verwendung fänden, zukünftigen Verhandlungen vorbehalten bleiben sollte.

Die Vereinigten Staaten lieferten an die Sowjetunion auf Grund von „Pacht Leih-Verträgen“ während des Krieges für 4,7 Milliarden Dollar Fluezeuge, Panzer, motorisierte Fahrzeuge und Waffen aller Art; für 3,7 Milliarden Dollar Fabrikanlagen und Materialien, die zur Erweiterung der Kriegsindustrie erforderlich waren; für 1,8 Milliarden Dollar Lebensmittel und landwirtschaftliche Produkte; mit 0,6 Milliarden Dollar wurden sonstige Leistungen der verschiedensten Art bewertet. Die Gesamtlieferungen der USA an die Sowjetunion erreichten somit einen Wert von 10,8 Milliarden Dollar!

Die Vereinigten Staaten haben alle. Lieferungen, die für die gemeinsamen Kriegsanstrengungen verbraucht wurden, auf Verlustkonto abgebucht. Für das nach dem Kriege noch vorhandene und in der russischen Wirtschaft verwendete Material aber verlangen sie teils Bezahlung, teils Rückerstattung.

Barzahlung verlangen die USA vor allem für diejenigen Industrieanlagen, die erst kurz vor Kriegsende geliefert und nach, dem Kriege von den Russen in Betrieb genommen wurden. Hierzu gehören unter anderen vier Ölraffinerien, eine Gummireifenfabrik, ein Kraftwerk, ein Eisenbahnausbesserungswerk sowie mehrere Stahlwerke. Als die ersten Abwicklungs-Verhandlungen im Jahre 1947 begannen, forderten die Amerikaner für alle diese Werte 2,6 Milliarden Dollar. Die Russen boten 170 Millionen. Inzwischen haben die Amerikaner ihre Barforderungen auf 800 Millionen ermäßigt, während die Russen 240 Millionen Dollar als ihr „letztes Angebot“ bezeichneten.

Das entscheidende Hindernis der Verhandlungen aber bildet weniger die Barzahlung, als vielmehr die Rückerstattung. Und hier sind es in erster Linie 670 Schiffe, auf deren Rückgabe die USA unbedingt bestehen, und deren Herausgabe die Sowjets ebenso konsequent verweigern. Unter diesen Schiffen befinden sich 537 Kriegsfahrzeuge, 29 Flußtanker, Werkstatt- und Kranfahrzeuge und 84 Liberty-Dampfer. Diese Liberty-Schiffe bilden inzwischen das Rückgrat der sowjetischen Handelsflotte. Da der Bau von Handelsschiffen zu den gravierendsten Engpässen der russischen Wirtschaft gehört, sind sie tatsächlich für die Sowjetunion unentbehrlich.

In einem Leitartikel versuchte daher die Prawda bereits jetzt die Schuld an dem voraussichtlichen Zusammenbruch der Washingtoner Verhandlungen den Amerikanern zuzuschieben. Sie behauptete, die Vereinigten Staaten sabotierten die Besprechungen, „um die Unmöglichkeit einer Zusammenarbeit mit der Sowjetunion zu beweisen“. Außenminister Acheson erklärte mit vollem Recht auf einer Pressekonferenz, daß ein derartiger Vorwurf „eine glatte, klare und durchsichtige Unwahrheit“ sei. Ernst Krüger