Von Paul Hühnerfeld

Gefährlicher als die Atombombe sei die Entwicklung des Fernsehens für die Menschheit – so und ähnlich äußerten sich Publizisten und Dichter aus Amerika und England, aus Ländern mit Fernsehpraxis also. Aber Erfindungen kann man nicht aufhalten, man kann nur das Beste aus ihnen machen. In Deutschland allerdings wird die „Gefahr“ des Fernsehens vorläufig noch durch die hohen Preise der Empfänger gestoppt. Aber auch in Amerika ist die Bilanz der Fernsehsender bis heute eine Unterbilanz. Es ist die Frage, wie lange die Unternehmer noch durchhalten.

Das „Fernseh-Geschäft“ in USA ist bisher ein Debakel geworden. 15 Millionen Dollar Defizit verzeichnen die 2000 Werbefirmen, die den Fernsehfunk in Amerika bisher trugen. In Deutschland steht keine Privatfirma hinter den Bemühungen des NWDR: er muß alle Kosten selber tragen. Für eine Programm-Minute rechnet man etwa 500 DM Unkosten. Dann würde also eine Wochentags- Abendsendung von 20 bis 22 Uhr den NWDR 60 000 DM kosten. Aber zunächst einmal ist man mit der Kalkulation ja noch gar nicht beim Programm selbst; – zunächst müssen die Apparate bezahlt werden, die überhaupt einen Sendebetrieb ermöglichen. Und da können folgende Zahlen eine Vorstellung von der Höhe der Kosten erwecken: eine Studio-Einrichtung mit Mischtisch und Kamera kostet etwa 300 000 DM. Ein Zehnkilowattsender als Hauptsender: 800 000 DM. Ein Nebensender (von denen der NWDR mehrere haben müßte, wenn er nicht nur unmittelbar in der näheren Umgebung Hamburgs zu sehen und zu hören sein will): 250 000 DM.

Wichtiger aber noch ist: was kostet das Fernsehen heute in Deutschland eigentlich den Empfänger? Nun, bis jetzt hat sich die deutsche Industrie noch nicht zur Serienherstellung von Fernsehempfängern entschließen können. Das Risiko ist noch zu groß, doch erklärt man, daß Apparate für 800 bis 1000 DM zu liefern seien; läuft eine Serienproduktion an, so würden die Preise- auf etwa 600 bis 800 DM fallen. Außerdem will der NWDR, entgegen seiner ursprünglichen Absicht auch von den Fernsehempfängern nur die üblichen Rundfunkgebühren zu verlangen, nun doch eine besondere Fernsehgebühr einführen. Über die Höhe dieser Gebühr ist man sich noch nicht einig, doch werden 24 DM jährlich als Quote genannt.

Man sieht, die Kosten für den einzelnen sind zwar noch sehr hoch, bewegen sich aber doch nicht mehr in astronomischen Höhen, und deshalb ist es auch in Deutschland an der Zeit, sich einmal damit zu beschäftigen, ob das Fernsehen geeignet ist, unser Leben grundlegend zu ändern und wieweit sich Veränderungen des gesellschaftlichen Lebens in Amerika schon abzeichnen. Der Brief des deutschen Professors sollte nicht widerspruchslos hingenommen werden, aber doch zu denken geben.

Die Ansicht des deutschen Professors steht nicht allein. Der englische Nobelpreisträger und Dichter T. S. Eliot hat in einer beschwörenden Zuschrift seine Landsleute vor der Einführung des Fernsehens gewarnt. Man solle sich doch einmal ansehen, so schreibt er, wie auch diese technische Errungenschaft, wie so viele vor ihr, einen Angriff auf den Kern unserer Gesellschaftsordnung, die Familie, führe. Und er fürchte sehr, daß dieser Angriff der stärkste sei, den die Technik je auf die Familie geführt habe: gefährlicher als das Radio und der Film. Das Fernsehen könne dazu führen, dem Einzelmenschen den letzten Rest von Individualität, selbständigem Denken und echtem Fühlen für den Mitmenschen zu rauben. Der Fernsehfunk habe mit dem Radio die gefährliche Eigenschaft gemeinsam, im Heim des Menschen zu stehen; mit dem Film aber verbinde ihn die magische Überzeugungskraft des Bildes, für die der moderne Mensch anfälliger sei als irgendeine andere Generation vorher in der abendländischen Geschichte.

In der Tat – die Gefahren, die Eliot aufzeigt, sind nicht zu leugnen. Aber ebenso unleugbar ist auch, daß eine technische Entwicklung noch niemals abgebrochen wurde, weil man sah, daß sie den Menschen in seiner Menschlichkeit gefährdete. Man hat auch die Atomforschung weitergetrieben, obwohl schon zu Anfang des Entdeckens vielen Forschern klar war, daß ein Endergebnis ihrer Arbeit einmal die Atombombe sein würde. Die Frage ist deshalb nicht: wie verhindert man am besten das Fernsehen, weil es die letzten Grundpfeiler unserer Gesellschaftsordnung angreift – die Frage ist vielmehr: wie machen wir aus dem Fernsehen das Beste für uns alle? Denn eins ist sicher: wenn überhaupt der Mensch einmal wieder Herr über die ihm davongelaufene Technik werden will, so ist die Chance dazu am größten bei den jungen Erfindungen. Die Fernsehpioniere von heute haben es selbst in der Hand, ob sie einmal zu den endgültigen Vernichtern oder zu den Bewahrern unserer Kulturwerte gehören wollen. Deshalb ist der Ratschlag, den der Dichter Eliot seinen Landsleuten am Schluß seines Briefes gibt, sie möchten sich doch überlegen, ob sie das Fernsehen in England überhaupt einführen wollten, zutiefst unreal: wo sich in unserem Zeitalter der Poet gegen die Technik stellte, hat er meistens verloren. Es ist die Frage, ob es nicht besser gewesen wäre, mit ihr zu kämpfen als gegen sie. Je eher der Schriftsteller Eliot selbst beginnt, Fernsehspiele zu schreiben, um so eher wird die Möglichkeit geschaffen, den Gefahren zu begegnen, die er im Fernsehfunk aufzeigt. Gerade das Fernsehspiel, das besser als der Film das menschliche Antlitz photographieren kann, das mit seiner Direktheit weit von der Traumfabrik des Filmes entfernt ist, wird ungeahnte Möglichkeiten für die dichterische Aussage schaffen. Und das, was Eliot so tief betroffen macht –, daß die Familie vor dem Fernsehempfänger sitzt – ist es nicht in Wirklichkeit ein Positivum, das weder Film noch Funk bieten? Kann es nun nicht wieder zu einem gemeinsamen Vorleseabend kommen, zum gemeinsamen Genuß eines Konzertes oder eines Theaterstückes? Besteht hier nicht endlich einmal wieder die Chance, daß die Familie gemeinsam etwas erlebt, was sich draußen abspielt?