Bei steigenden Preisen wird jeder kaufen, der Mittel verfüglich hat: angefangen von der Hausfrau bis zum Fabrikanten, der sich mit Roh- und Hilfsstoffen eindeckt – vom Spekulanten ganz zu schweigen. Es wird nun „in Ware gespart“ und nicht in Geld, was dann also die unerwünschte Folge hat, daß die Preise weiter nach oben tendieren. Freilich nicht alle Preise, und vor allem nicht alle Preise gleichmäßig. Immer wird und muß es „vernachlässigte Märkte“ geben, auf denen die Preise nur wenig oder par nicht anziehen. So sind etwa heute, trotz aller Klagen über die so sündhaft teuer gewordenen Lebensmittel, noch immer Fische erstaunlich billig, ferner Obst und Grobgemüse, auch Magerkäse, Offenbar wissen das die Hausfrauen nicht – es gibt auch niemanden, der es ihnen sagt, da sich ja weder die Agrar- noch die Konsumgenossenschaften und noch nicht einmal die Gewerkschaften, denen man diese Aufgabe dringend genug nahegelegt, hat, hier einschalten, obwohl derart sehr viel zur Entspannung der sozialen Lage und zur „Entzerrung des Preisgefüges“ geschehen könnte.

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Sind irgendwelche Preise so lange und so stark angestiegen, daß sie als exorbitant hoch angesprochen werden, dann wirken sie nicht nur im Sinne einer verstärkten Nachfrage, sondern auch gegenläufig: ein Teil der Nachfrage bleibt mangels Kaufkraft „auf der Strecke“. Mehr und mehr Abnehmer fallen aus, weil sie (soweit es sich um Roh- und Hilfsstoffe handelt) für das verteuerte Endprodukt nicht mehr genug Abnehmer finden, oder weil – bei Endprodukten – dem Verbraucher „die Puste ausgeht“: weil sein Einkommen nicht mehr ausreicht. In dieser Entwicklung stehen wir bereits mitten darin; sie entspricht der marktwirtschaftlichen Logik. Nur kann sich die Logik, des „gesunden Menschenverstandes“ schwer damit abfinden, und sie fragt: Warum wird gerade mir – oder meinen Abnehmern – ein solcher Konsumverzicht zugemutet? Sind wir denn im letzten halben Jahr plötzlich ärmer geworden, als „die anderen?“ Die Antwort darauf muß lauten: Ja, wir sind tatsächlich ärmer geworden –, weil die Austauschrelationen zwischen dem, was wir (im Export) anzubieten haben, und dem, was wir (an Import-Rohstoffen) wünschen, sich erheblich verschlechtert haben... Unsere Ware ist – relativ – weniger begehrt, der einzige wichtiger Rohstoff, den wir anbieten können, die Kohle, ist zudem preisgebunden.

Ist das erst einmal richtig gesehen, so ist auch das Verständnis für die Maßnahmen gewonnen, die unserer Wirtschaft so hart zusetzen und im Ausland vielfach auf völlige Verständnislosigkeit stoßen Importstop und Abbau des Kreditvolumens. Wobei zu den Maßnahmen auf kreditpolitischem Gebiet noch zu sagen wäre, daß sie deshalb so radikal ausfallen mußten, weil andre wirtschaftspolitische Maßnahmen nicht rechtzeitig getroffen worden sind, die es uns erspart hätten, nun zu der ultima ratio zu greifen.

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Über das, was bereits früher hätte geschehen sollen – im Spätherbst, im Januar, mindestens aber noch im Februar – gab es nach dem ersten Treffen von Niederbreisig (und nach den Warnungen, die jeder Monatsbericht der Bank deutscher Länder seit geraumer Zeit enthielt!) auch in der Öffentlichkeit keine Unklarheiten mehr; die „Fachleute“ aber wußten jedenfalls Bescheid, Bemerkenswert ist immerhin der Dilettantismus, von dem jene Vorschläge (eigentlich waren es Querschüsse) zeugen, die mit einer Import- und Konsumbeschränkung ausgerechnet bei den billigsten Massennahrungsmitteln Zucker und Margarine ansetzen wollten... Dabei wäre ein Fortfall der Subventionen auf dem Ernährungsgebiet, zunächst bei Brotgetreide, längst fällig gewesen, um zu verhindern, daß so viel Roggen (und sogar Weizen!) „in den Schweinetrog ging“. Die „Preisverzerrungen“ gegenüber den freien Auslandsmärkten, die aus der Subventionspolitik resultieren, haben, gemeinsam mit der Stützungspolitik, wie sie etwa für Butter betrieben worden ist, Produktion und Verbrauch, damit auch Einfuhr und Ausfuhr, in völlig falsche Bahnen gedrängt. Die gesamte Buttereinfuhr des Jahres 1950 in Höhe von 20 000 t wäre vermeidbar gewesen, wenn man nicht 40 000 t Inlandsbutter „aus dem Markt genommen“ und (unter Aufwand erheblicher Kosten, die der Steuerzahler trägt) eingelagert hätte. Auch die Ausfuhr von Fleisch in Form von Dosenschinken ist – wenn auch im Moment als „devisenbringend“ recht erfreulich und als Korrektiv der Preisentwicklung richtig – eine unnötige Folge der Subventionen: der Steuerzahler sorgte für billige Futtermittel, und die daraus erzeugte Ware geht nun („billig“) nach England und den USA ...

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