Die Tatsache, daß noch vor Auslaufen des EZU-Kredits die Liberalisierung der deutschen Einfuhr vorerst eingestellt werden mußte, hat die Frage aufwerfen lassen, warum es trotz der damals gewährten Hilfe (und trotz des auch von der OEEC als ausreichend angesehenen Wirtschaftsprogramms der Gutachter und der Bundesregierung) zu dieser Entwicklung kommen konnte. Nun werden berechtigte und unberechtigte Vorwürfe an alle möglichen Adressen ausgeteilt. Was aber waren die realen Ursachen?

Das Jahr 1950 brachte, was weitgehend in Vergessenheit geraten ist, praktisch eine Halbierung der Auslandshilfe für Westdeutschland, insgesamt etwa um 480 Mill. Das gleiche Jahr machte auch eine erhebliche Vorleistung in der Liberalisierung die von amerikanischer Seite mit Nachdruck gefordert und für die eine entssprechende Hilfe in Aussicht gestellt worden war. dieser Vorleistung blieb bei der Bildung der EZU aus. Deutschland erhielt weder eine initial position“ noch eine seiner Außenhandelsentwicklung entsprechende Quote.

Trotz Kürzung der ERP-Hilfe wurde, wiederum von den Amerikanern, die Bundesregierung unter Hinweis auf eine angeblich konjunkturell bedingte Arbeitslosigkeit aufgefordert, im Frühjahr ein „großzügiges“ Investitionsprogramm zu starten, das dann auch durchgesetzt wurde, obwohl es an Warnungen nicht fehlte, daß damit inflationistische Gefahren heraufbeschworen würden. Man sollte sich dabei erinnern, mit welcher Vehemenz damals die Notenbank von fast allen Seiten wegen ihrer vorsichtigen Haltung angegriffen wurde, bis sie diesem Druck nachgab, dieses im Frühjahr anfinanzierte Programm mußte – und sollte ja auch – etwa im Oktober zur konjunkturellen Auswirkung kommen.

In der gleichen Zeit stieg der deutsche Produktionsindex um rund ein Drittel, bezogen auf den Stand von 1936. Ein solcher in der Wirtschaftsentwicklung wohl noch nie dagewesener Produktionsanstieg in einer so kurzen Zeitspanne hatte unvermeidbare Spannungen und Störungen im Gefolge, da hier binnen eines Jahres nachgeholt worden war, wozu die übrige europäische Wirtschaft mehrere Jahre gebraucht hatte. Die englische Wirtschaft hat für ein prozentual ähnliches Verhältnis fünf Jahre und eine amerikanische Dollarhilfe von insgesamt fast 8 Mrd. $ gebraucht.

Diese Spannungen, die sich in verschiedenen Engpässen äußerten, bedingten eine verstärkte Einfuhr. Wenn sich in der gleichen Zeit die Rohstoffeinfuhr etwa verdoppelt hat, so lag das allerdings nicht nur an dieser Produktions-Entwicklung, sondern auch an dem seit Korea einsetzenden boom, der allenthalben die Tendenz zur Lagerbildung förderte. Auch diese Lagerbildung ist eine volkswirtschaftliche Investition,

Eine solche Entwicklung, überschattet noch durch die Verteuerungen und Knappheitserscheidungen auf dem Weltmarkt, die im 3. Quartal 1950 die deutsche Wirtschaft allein zu einem preislichen Mehraufwand von rd. 400 Mill. DM zwang, konnte sich letztlich nur in einem entsprechenden Defizit in der Zahlungsbilanz auswirken, wenn ein Devisenpolster als Währungsreserve nicht vorhanden war, da ja die Exporterlöse nicht im gleichen Umfang wie die Importpreise stiegen. Als es im Oktober zur ersten Zahlungsbilanzkrise kam, betrug die Gesamteinfuhr 120 v. H. von 1949, während der Anteil der Auslandshilfe auf 50 v. H. von 1949 abgesunken war. In Zahlen ausgedrückt fehlten etwa 480 Mill. $ gekürzter Auslandshilfe und rd. 155 Mill $ als Defizit in der kommerziellen Außenhandelsbilanz, denen eine Devisenreserve von etwa 200 Mill. $ gegenüberstand. Es ist eine sehr einfache Rechnung für die deutsche Zahlungsbilanz aufzumachen, wenn diese Kürzung nicht erfolgt und der EZU-Kredit als Berichtigung der deutschen Quote gegeben wäre. Auf amerikanischer Seite hat man jedoch weder aus dem selbst empfohlenen Liberalisierungsprogramm noch aus der über deficit spending und Investitions-(„Ankurbelungs“-)Programm veranlaßten Übernachfrage die nötigen Konsequenzen gezogen und Westdeutschland sich selbst überlassen, wobei die OEEC in einem Akt europäischer Solidarität einsprang und den bewußten Sonderkredit gab.

Freilich konnte der Zweck dieses Kredites günstigstenfalls nur dann erreicht werden, wenn das damit gekoppelte Programm durchgeführt wurde. Da setzt leider das Versagen der deutschen Seite ein. Die damals notwendig gewesene drastische Diskonterhöhung mit ihrer beabsichtigten Wirkung besonders auf den Kapitalmarkt blieb aus, weil der Finanzminister – unterstützt von „Wissenschaftlichen Beiräten“ – mit bemerkenswerter Hartnäckigkeit an niedrigen Zinssätzen festhielt. Er brachte zwar seinen Haushalt zum Ausgleich und baute auch die Verschuldung beim Zentralbanksystem ab, aber zu durchgreifenden Maßnahmen einer steuerpolitischen Ergänzung der Politik des knappen Geldes, insbesondere auch zu einer durchgreifenden Förderung des Exports brachte er es nicht. Schäffer entschuldigt sich damit, daß die Gesetzesmaschinerie des Bundestages so lange Zeit brauche. Das stimmt zwar, aber immerhin hat die Behandlung einer anderen Frage – der Mitbestimmung – gezeigt, daß die Regierung auch schnell agieren kann. Es ist bedauerlich, daß von den zuständigen Stellen die Durchsetzung eines als richtig erkannten und zudem vertraglich vereinbarten Programms nicht mit der gleichen Energie verfochten wurde.