Versuch über Ugo Betti / Von Ulrich Seelmann-Eggebert

Die Bühnenwerke des italienischen Dichters Ugo Betti setzen sich in zunehmendem Maße auch in Deutschland durch. In Hamburg brachte dieser Tage die Studio-Bühne der „Brücke“ das Lustspiel „Unsere Träume Demnächst kommt am Nationaltheater Mannheim das Schauspiel „Die unschuldige Irene“ heraus, ein älteres Drama folgt etwas später in Darmstadt.

Seit Pirandello ist Ugo Betti der erste italienische Dramatiker, von dem die Welt wieder spricht, dessen Dramen über die Bühnen aller Länder des Westens gehen, und der auch in Deutschland von namhaften Theaterleuten als die „wesentlichste Neuentdeckung“ bezeichnet wurde. Sein Schauspiel „Korruption im Justizwurde. wurde mit dem Großen Preis des „Consiglio dell’istituto del dramma italiano“ und mit dem Rom-Preis ausgezeichnet.

Zwei große Themen klingen immer wieder in den bedeutendsten Werken Bettis an. Seine Menschen fliehen aus ihrer inneren Einsamkeit, aus Verlorenheit und Weltangst in ein Reich der Phantasie, sie leiden ihr Leben lang an dem Widerspruch zwischen Wunschtraum und Wirklichkeit, sie zerbrechen daran – aber zuletzt gewinnen sie doch die Hoffnung wieder und den Glauben, die Gewißheit eines ewigen Gesetzes, dem die Welt untersteht und das sich auch des Sünders erbarmt. Das andere, Thema ist das von der Roboterhaftigkeit des modernen Lebens, von der Staatsmaschinerie, die kein lebendiges organisches Wesen, sozusagen kein munter galoppierender Amtsschimmel mehr ist, sondern nur ein „monströses Zahnwerk“, eine „Walze“, an deren Schalthebeln die Manager sitzen.

Es ist bezeichnend, daß Ugo Betti sich erst einen Namen zu machen begann, als er schon auf die Vierzig zuging: seine Dichtung entspringt der Erfahrung eines reifen Lebens, dem Wissen von der Unvollkommenheit des Menschen. Sein Vater, ein Arzt, mag ihm vielleicht den diagnostizierenden Blick für die Schwächen und Krankheiten des Gesellschaftsorganismus von heute vererbt haben, gewiß aber die naturwissenschaftlich-exakte Art der psychologischen Analyse. Daß er selbst aber Jurist war, ist in fast jeder Zeile seines Werkes zu spüren: nicht nur an der fast immer von kriminellen Tatbeständen ausgehenden Handlung, sondern mehr noch an dem menschlichen Ethos, der brutalen Wahrheitsliebe, der dialektischen Prägnanz und der Erkenntnis des inneren Triebwerks der Sünde, der Gewissensbisse und des Schuldgefühls.

Ugo Betti, am 4. Februar 1892 in Camerino (Marche) geboren und in Parma aufgewachsen, hatte in Jurisprudenz promoviert, war zwei Jahre lang Prätor gewesen, später lange Richter in einer Provinzstadt, von 1930 ab Richter in Rom. Er ist erst kürzlich aus dem juristischen Staatsdienst ausgeschieden. Dichterisch trat er zuerst als Lyriker hervor, und eine gewisse lyrische Note zeigt sich auch in seinen späteren Novellen und Romanen noch. Seit 1928 hat Betti drei Novellenbände herausgegeben; 1949 erschien auch sein erster Roman „La piera alta“ (erscheint demnächst in einer vortrefflichen Eindeutschung durch Carl M. Ludwig im Carl-Baessler-Verlag, Bamberg, unter dem Titel „Im Schatten der Piera Alta“). Das dramatische Werk Ugo Bettis umfaßt bisher 19 Stücke, von denen besonders das Lustspiel „Unsere Träume“ und das Schauspiel „Korruption im Justizpalast“ letzthin auch in Deutschland mit großem Erfolge gespielt wurden. Das Schauspiel „Abkehr von Delia“ war unter dem Titel „Pas d’amour“ auch eines der Zugstücke der vorigen Pariser Theatersaison.

Man hat Betti mitunter nihilistische Tendenzen vorgeworfen, und der Schluß von „Piera alta“ scheint das fast zu bestätigen. „Der Gedanke“, so heißt es da, „daß etwas, was da sein müßte, nun nicht mehr existiert in der Welt oder nur noch in einer veränderten Erscheinungsform, ist beängstigend. In der ungeheuren dunklen Ewigkeit war irgendwo eine Gelegenheit entstanden, und sie wurde versäumt und verloren. Von jetzt an würde diese ungeheure dunkle Ewigkeit wieder im Nichts, in der Leere kreisen. Alles war zu Ende, Leb wohl!“