Von Hanns Mayer

Wann immer man irgendwelchen internationalen Kulturbegegnungen beiwohnt, Kongressen, wo ernsthaft über die Definitionen unserer politischen Tagesbegriffe diskutiert wird und streitbare Debatten geführt werden über den „Sinn des zwanzigsten Jahrhunderts“, die „Freiheit des Abendlandes“ oder (mit belustigender Bündigkeit) Über „Humanismus“ schlechthin, bemerkt man unter den Franzosen einen kleinen, weißhaarigen Herrn mit spöttischen Augen und einer nicht unliebenswürdigen Miene ironischer Arroganz. Der kleine Herr sagt niemals aufregend Neues. Dennoch geht von seinen Reden fast immer der Hauch einfachen, gesunden Menschenverstandes aus. Er heißt Julien Benda und ist der letzte Vertreter des „esprit français“, der letzte bewußte „Cartesien“.

* Erinnert man sich noch der letzten Vorkriegsjahre, als in Frankreich der Slogan von der „ligne Descartes lanciert wurde, die man im Reiche des Geistes gegen Deutschland halten müsse, so wie im geographischen Raum die „ligne Maginot“? Man meinte damit ein geistiges Klima, das sich mit den Schlagworten „Rationalismus“, „Mathematismus“, „methodischer Zweifel“ annähernd charakterisieren läßt, jenes typische, klare französische Geistesklima, das man durch das mythisch-tragische Gewittergrollen der großartigen Philosopheme der Nietzsche oder Spengler bedroht wußte.

Das ganze verblüffende intellektuelle Superioritätsgefühl der Franzosen über die Deutschen beruhte ja schließlich in dem Stolz auf die optimistische Skepsis des Cartesianismus, beruhte auf der Tatsache, daß Frankreichs größter Philosoph zu einer Epoche, da Kepler Horoskope stellte, mit ruhiger Sicherheit sagte: „Ich werde mich niemals täuschen lassen von den Versprechungen der Alchimisten, noch von den Prophezeiungen der Astrologen, noch von den Hochstapeleien der Magier ...“

Man legte die „ligne Descartes“. Man glaubte, mit ihr die Grenzen der kritischen Würde des menschlichen Geistes zu sichern. Journalisten, Literaten, Gymnasialprofessoren reihten sich ein in die weltanschauliche „Volksfront“, die Frankreich gegen Angriffe aus dem Osten zu formieren versuchte.

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Wer heute intellektuelle französische Zeitschriften durchblättert, handle es sich nun um Sartres „Temps Modernes um den Esprit“ des jüngst verstorbenen Emmanuel Mounier oder um die „Table Ronde“ Jean Paulhans, wer das elastische, oft zweideutige Vokabularium der neuen Männer auf sich wirken läßt, darin Begriffe wie „Prinzip“ und „Logik“ mehr und mehr verschwinden vor den neuen, die da „transzendieren“ heißen oder „Dialektik“, der kann kaum verstehen, wie unmerklich schnell die Verwandlung kam. Ein kurzer Blick auf die vergangenen Jahre tut darum not.